Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde108 (2005) / N.S. 59Gyr, Ueli: Auf den Spuren von Eugenie Goldstern in Bessans (Frankreich)

  
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Auf den Spuren von Eugenie Goldstern in Bessans (Frankreich) : Rückblende auf eine Zürcher Forschungsexkursion
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Ueli Gyr

ÖZV LIX/ 108

rungskräfte richtete, wandte sich Niederer von Anfang an intensiverdem sozio- kulturellen Wandel und den Innovationen zu.² Ein weiteresMerkmal trennte Lehrer und Schüler: Der von der Germanistik her-kommende Weiss begann seine Untersuchungen in Graubünden undvollzog später den Schritt hin zu einer Alpenforschung der Schweiz;der von der Romanistik herkommende Schüler Niederer bewegte sichim Wallis, besonders im Lötschental, um bald vermehrt vergleichendeAlpenforschung zu betreiben. Sie schloss neu nun auch Orte, Regio-nen und Kulturen anderer Länder ein, darunter Österreich, Slowenien,Italien und Frankreich. Die unterschiedlichen Sichtweisen von Ri-chard Weiss und Arnold Niederer auf Probleme der alpinen Kultur lassenumgekehrt aber auch den Befund einiger Gemeinsamkeiten zu, so dassdie je eigenen Forschungsbemühungen durchaus auf einem Kontinuumgelesen werden können. Darnach um die Programmatik etwas ver-einfachend zuzuspitzen- beginnen Niederers Arbeiten dort, wo Weissmit seinem viel zitierten Beitrag über den alpinen Menschen und alpinesLeben in der Krise der Gegenwart 1957 abgeschlossen hatte.³

Wann der Funke für ein ethnographisches Interesse zugunsten derGemeinde Bessans genau zündete, ist nicht mehr auszumachen. Auspersönlichen Gesprächen mit Niederer weiss ich, dass er Ende der1950er Jahre mit der Reisehochschule in Savoyen unterwegs war unddort auf den französischen Ethnologen Marcel Maget traf, von dem1962 ein Handbuch über Feldforschung erschien, 4 dies lange übrigensbevor die Methodendiskussion und Datenerhebung im Fach Volks-kunde im deutschsprachigen Raum einsetzte. Vermutlich haben sichMaget und Niederer sogar in Bessans getroffen, jedenfalls hatteNiederer diese Gemeinde vor 1967 mit Sicherheit besucht. Als ver-sierter Romanist und Alpenforscher war er nicht nur mit der Wörter-und Sachen- Methode vertraut, sondern kannte im Besonderen auchdie Untersuchung von Eugenie Goldstern. Ihre Gemeindestudie wur-

2 Gyr, Ueli: De Richard Weiss à Arnold Niederer. Deux représentants de l'ethno-logie alpine suisse. In: Fondateurs et acteurs de l'ethnographie des Alpes/ Lemonde alpin et rhodanien 2003, S. 65–76.

3 Weiss, Richard: Alpiner Mensch und alpines Leben in der Krise der Gegenwart.In: Weiss, Richard: Drei Beiträge zur Volkskunde der Schweiz, hg. von derSchweiz. Gesellschaft für Volkskunde. Basel 1963, S. 232-254.[ Erste Ver-öffentlichung in: Die Alpen 33( 1957), S. 209–224].

4 Maget, Marcel: Guide d'étude directe des comportements culturels. Paris 1962.5 Goldstern, Eugenie: Hochgebirgsvolk in Savoyen und Graubünden. Ein Beitragzur romanischen Volkskunde. Wien 1922.