Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LIX/ 108, Wien 2005, 231–242
Lust aufs Feld
Christine Burckhardt- Seebaẞ
Einleitung
Wer sich der Wissenschaftlerin Eugenie Goldstern nähert, dem wirdzuerst ihre intensive ethnographische Reisetätigkeit auffallen. Zwarführten ihre Untersuchungen sie nur in die europäischen Alpen, aberes eignete ihnen, für eine junge Frau aus gebildetem, wohlhabendemstädtischen Milieu, doch ein gewisser Expeditionscharakter. Darinerweist sich die Forscherin als Erbin der berühmten weiblichen For-schungsreisenden des 19. Jahrhunderts,' charakterisiert sie in derplanvollen und zielgerichteten Art ihres Vorgehens aber auch alsAngehörige jener Generation, die( in der Formulierung von VeraDeissner²) die Paradigmatisierung des Fachs erlebte und mittrug.Eine Paradigmatisierung, die in der Frage, wie neues Wissen entstehtund wozu, sich immer deutlicher von derjenigen der Völkerkundeabhob. Dort begann ja die Feldforschung, als direktes In- Beziehung-Treten und umfassendes mitlerlebendes Wahrnehmen des Fremden,sich zum Königsweg der Erkenntnisgewinnung zu entwickeln.
Die Vertreter der Volkskunde dagegen brauchten, etwas polemischgesagt, Belege für Erkenntnisse, die sie vermeintlich schon hatten,die es zu ordnen und zu verknüpfen galt, die sie aber nicht selbstsammelten, sondern sammeln ließen. Das implizierte eine hierarchi-sche Arbeitsteilung, und verbunden mit der verbreiteten geringenEinschätzung weiblicher Intellektualität führte es dazu, dass Männerkaum, dafür aber recht viele Frauen ins Feld gingen.³ Es deutet viel
1 Aus der reichen Literatur dazu sei für den ersten Überblick dazu erwähnt:Netzley, Patricia D.: The Encyclopedia of Women's Travel and Exploration.Westport 2001.
2 Deissner, Vera: Die Volkskunde und ihre Methoden. Perspektiven auf die Ge-schichte einer, tastend- schreitenden Wissenschaft' bis 1945. Mainz 1997(= Stu-dien zur Volkskultur in Rheinland- Pfalz, Bd. 21), bes. Kap. 5.
3 Vgl. Burckhardt- Seebaẞ, Christine: Spuren weiblicher Volkskunde. In: Schweiz.Archiv f. Volkskunde 87, 1991, bes. S. 218f.