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Bernhard Tschofen
ÖZV LIX/ 108
aktuelle Lebensstilentwürfe und Gesellschaftsmodelle legitimieren-den Fächern ein. Sie hielt, wie andere Sozial- und Geisteswissen-schaften, neben den szientifischen Wissensordnungen auch ein An-gebot bereit, das hermeneutisch offen den Bedürfnissen der im Mo-dernisierungsprozess nach Orientierung suchenden Gesellschaftenentgegenkam.41
Was hier vorläufig nur knapp skizziert werden kann, möge zugleichals Hinweis darauf gelten, dass von der wissenstheoretischen Ausein-andersetzung mit den public science- Aspekten der Alpenforschungauch neues Licht auf die Wissensordnungen moderner Gesellschaftenzu erwarten wäre, Ordnungen, von denen die Ethnographie des Eige-nen bestimmt ist und die letztlich die Popularisierung des Popularenvielleicht zu einem Sonderfall des Wissenstransfers machen. Denndas Wissen um Volk und Lebensweise formierte sich auch historisch-wie selbst das Beispiel einer Eugenie Goldstern zeigt- nicht alleinam Schreibtisch oder in den Bibliotheken der Universitäten. Es ent-stand( und entsteht) vielmehr im Kontext einerseits außerwissen-schaftlicher Kulturpraktiken bis hin zur persönlichen physischenExploration der natürlich und kulturell anderen Lebensformen vor der, europäischen Haustüre, andererseits zeichnete( und zeichnet) essich durch eine hohe und dichte Präsenz im je zeitgenössischenMediengefüge aus. Dementsprechend vielfältig sind auch die Reprä-sentationsformen alpinen ethnographischen Wissens: Sie erstreckensich von den akademisch alpenforschenden Periodika über Unmen-gen, grauer Literatur der im besten Wortsinne dilettierenden alpen-begeisterten Milieus bis zu den avantgardistischen Medien der urba-nen Unterhaltungsindustrien.
Zum Schluss aber seien noch zwei Anmerkungen erlaubt, die alsProblemstellungen für weitere Forschungen zu einer Wissensge-schichte alpiner Ethnographie nicht zu umgehen sind wobei dieerste Bemerkung mehr skeptisch fragend, die zweite mehr bestimmtist: Zum einen wäre zu fragen, ob nicht das in der modernen Volks-kunde/ Europäischen Ethnologie verfolgte Modell der, Gleichzeitig-keiten des Ungleichzeitigen' räumliche und zeitliche Differenzenmehr essentialisiert als relativiert. Denn es enthält auch noch imHinweis auf, andere Modernen oder, regionale Modernen zumin-dest den versteckten Hinweis, dass es keine legitime Alternative zureinen, europäischen Moderne gibt. Und es wird wohl unumgänglich41 Vgl. Lepenies, Wolf: Die drei Kulturen. Frankfurt am Main 1985, S. I.