Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde108 (2005) / N.S. 59Bellwald, Werner: „... Jahrtausende lang zäh und unveränderlich ...“

  
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„... Jahrtausende lang zäh und unveränderlich ...“ : Reliktforschung in der Fortschrittseuphorie : zur wissenschaftlichen Verortung des Ethnographen Leopold Rütimeyer
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Werner Bellwald

ÖZV LIX/ 108

6. Wissenschaftsethnographische Parallelen

Auf den ersten Blick erscheint Rütimeyer als Einzelgänger. DieUr- Ethnographie steht wie ein Monolith in der Landschaft. Dochvertikal sind wir bereits in die( Prä-) Historie der Volkskunde vor-gestossen und haben Wegbereiter gefunden; horizontal vergesell-schaften wir nun Rütimeyer im Kontext.

Nochmals hinzuweisen ist an dieser Stelle auf Adolf Bastian, derseit 1873 die ethnographische Abteilung des Berliner Museums be-treute, in einer Kontinente und Jahrtausende übergreifenden Weisesammelte und auch Europa( bzw. die germanischen oder etwa dieslawischen Völker) in seine komparativ- genetische Methode mitdem spezifischen Interesse an geschichtslos verstandenen Ethnieneinband. 39 Die Bastian und Andree entgegengesetzte Schule von denKulturkreisen gründete auf dem Humangeographen Ratzer, der denautochthon entstandenen Elementargedanken die Wanderungen ent-gegenstellte; doch auch hier suchte man die Urgeschichte derMenschheit zu ergründen und machte bald bei den Sprachforschern,bald bei den Prähistorikern Anleihen.

Der Vergleich war allgemein en vogue; auch in den ersten Num-mern der neugegründeten volkskundlichen Zeitschriften Deutsch-lands, der Schweiz und Österreichs wurde er nachgerade zum Pro-gramm erhoben.40 Kein Wunder, denn die neuen Reise- und Kommu-nikationsmittel erlaubten nun auch den Wissenschaftlern einen ra-schen und präzisen Informationsfluss in Wort und Bild bis hin zurAnschauung in den Museen mit weltweiten Sammlungen oder dempersönlichen Besuch fremder Kulturen. Die gegenüber früheren For-schergenerationen um Dimensionen bereicherten Möglichkeiten desWissenstransfers wurden ausgeschöpft und ermöglichten den Auf-schwung der komparativen Methode.

Weitere Gründe begünstigten die Konjunktur des Vergleichs, des-sen sich auch Rütimeyer so eifrig bediente. Wer damals am Museumoder an der Universität ,, Volkskundler" war, war es im eigentlichenSinne oft gar nicht, konnte es( noch) gar nicht sein, denn die damals

S. 371) mit der zusätzlichen Bemerkung, dass mit der ergologischen Kontinuitätnicht eine anthropologisch- somatische einhergehen müsse.

39 Nixdorff, Heide: Die Entwicklung der Abteilung Europa im Berliner Museumfür Völkerkunde. In: Nixdorff, Heide, Thomas Hauschild: Europäische Ethnolo-gie. Berlin 1982, S. 77-80, hier S. 78.

40 Gerndt, Helge: Kultur als Forschungsfeld. München 1981, S. 171ff.