Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band LIX/ 108, Wien 2005, 185–212
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Jahrtausende lang zäh und unveränderlich..."
Reliktforschung in der FortschrittseuphorieZur wissenschaftlichen Verortung des EthnographenLeopold Rütimeyer
Werner Bellwald
1. Einleitung
,, Urtümlich alpines Spielzeug“, wie es im Programm zur Tagung¹Eugenie Goldstern heißt, sammelten in den Jahrzehnten um 1900auch andere ethnographisch aktive Personen. Eine solche äußerte imAnschluss an sprachgeschichtliche Erörterungen zu diesen Spielzeu-gen: ,, Alle drei Sprachrelikte weisen darauf hin, wie die prähistori-schen Kinder mit ihren Tannzapfenkühen spielten, und wir werden,wenn wir ein heutiges Bergkind mit seiner Tannzapfen- oder seinerarchaistisch geschnitzten Zweigkuh spielen sehen und diese, lobaoder, pauscha nennen hören, mit einer gewissen Pietät dieser durchdie konservative Treue der Kinderwelt durch ungezählte Jahrtausendein unsere Zeit hinübergeretteten prähistorischen Sprachlaute des ur-alten Erbes des, homo alpinus' gedenken."
Diese Deutung stammt von Leopold Rütimeyer. Dessen Leben undWerk werde ich im Folgenden vorstellen, wozu ein Ausflug in dieNiederungen des Deskriptiven unvermeidlich sein wird und- schlim-mer- wir Personengeschichte betreiben müssen( was sich allerdingsinsofern aufdrängt, als wir uns in einem Kleinstaat befinden und ineinem Zeitpunkt ohne ausgebildete wissenschaftliche Netzwerke). Soweit nötig, umreisse ich auch den damaligen wissenschaftlichenDiskurs und die Stellung Rütimeyers innerhalb der deutschsprachi-
1 Vorliegendes Referat war einer der Beiträge des Symposiums Eugenie Goldsternvon Anfang Februar 2005 am Österreichischen Museum für Volkskunde, Wien.2 Rütimeyer, Leopold: Ur- Ethnographie der Schweiz. Ihre Relikte bis zur Gegen-wart mit prähistorischen und ethnographischen Parallelen. Basel 1924(= Schrif-ten der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde, Bd. XVI), S. 205.