Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde108 (2005) / N.S. 59Johler, Reinhard: Auf der Suche nach dem „anderen“ Europa

  
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Auf der Suche nach dem „anderen“ Europa : Eugenie Goldstern und die Wiener „Völkerkunde Europas"
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Reinhard Johler

ÖZV LIX/ 108

hat und dass Eugenie Goldstern mit ihren Forschungen im, Eigenenund im ,, Fremden bis heute dafür steht, darauf hat Isac Chiva in seinemanklagenden Aufsatz ,, L'affaire Goldstern" hingewiesen. Denn nicht nurdie ,, silence der österreichischen Volkskunde angesichts der Ermor-dung von Goldstern im KZ wird darin von Chiva beklagt, sondernebenso ihre exemplarische Bedeutung( als jüdische Forscherin) für dieGeschichte und daraus abgeleitet- für die Gegenwart einer ver-gleichenden, in vielem aber erst noch zu begründenden ,, ethnologie delEurope, einer Europäischen Ethnologie, hervorgehoben.³ Dem nach-zugehen, ist Ziel dieser wissenschaftsgeschichtlichen Skizze.

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Fachgeschichte: das ,, andere" Europa

Das modern- liberale Europa des frühen 20. Jahrhunderts hat dasselbstbewusst mobile Leben der Volkskundlerin Eugenie Goldsternermöglicht, das totalitär- kriegerische Europa der Nationalsozialistenhat es ausgelöscht. Vor diesem politischen Europa- Hintergrund lohntes, einem ,, anderen Europa und damit den volkskundlich- wissen-schaftlichen Europa- Konzepten nachzugehen, die Eugenie Goldsternin ihren Forschungen geleitet haben und zu denen sie durch ihreVeröffentlichungen und durch zahllose Sammlungsobjekte aus halbEuropa beigetragen hat. Das politisch und kulturell bewegte Europa des20. Jahrhunderts hat ja schon zu seinem Beginn eine, volkskundlicheSelbsterkenntnis Europas befördert und gerade in Wien durch Michaelund Arthur Haberlandt zu einer in die Vorkriegszeit zurückreichenden,aber erst in den 20er und 30er Jahren in mehreren Veröffentlichungenausführlich vorgestellten, einmal, europäische Volkskunde, dann wie-der ,, europäische Völkerkunde genannten Disziplin geführt.

Diese begriffliche Unschärfe mag einem, schwankenden Sprach-gebrauch von Michael und Arthur Haberlandt ebenso geschuldetsein wie dem disziplinär erst zu verankernden ForschungsgegenstandEuropa. Sie hat jedenfalls mit Sicherheit dazu beigetragen, dass diese

Kriegserfahrung und die Generierung einer Wissenschaft in( Zentral) Europa: Dienationalen Volkskunden/ Ethnologien im europäischen Vergleich.

3 Chiva, Isac: L'affaire Goldstern: L'histoire d'une non- histoire. In: Revue desSciences Sociales 31( 2003), S. 150-155.

4 Haberlandt, Michael u. Arthur: Vorwort. In: Dies.: Die Völker Europas und ihrevolkstümliche Kultur. Stuttgart 1928, VI.

5 Schmidt, Leopold: Das österreichische Museum für Volkskunde. Werden undWesen eines Wiener Museums. Wien 1960, S. 71.