2005, Heft 2-3
Das primitivistische Erbe der Volkskunde
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sich nun zusammen mit einschlägig interessierten Ethologen oder garSoziobiologen auf ,, Universalien im menschlichen Sozialverhalten" 30zu kaprizieren. Denn letztlich bleibt auch für diese Bemühungen dasüber die frühere volkskundliche Parallelensuche Gesagte gültig: Bis-her landete man bei der Suche nach kulturellen Universalien entwederbei ,, empty or near- empty categories" 31 oder riss Einzelphänomeneaus ihrem Bedeutungs- und Funktionskontext. 32 Doch über dieserKritik darf dasjenige Moment des völker- und volkskundlichen Pri-mitivismus nicht vergessen werden, das Deutschtümler undNationalsozialisten so auf die Palme oder besser auf die Eiche brach-te: dass viele seiner Vertreter von der Gleichwertigkeit materiell undinstitutionell höchst ungleich entwickelter Kulturen oder zumindestvieler ihrer Einrichtungen, Produkte oder Praktiken überzeugt waren.Das Parallelen- Faible der frühen Volkskunde hat zu Recht wenigheutige Nachfolger gefunden; doch die Bereitschaft, kultiviertesplanvolles, komplexes, reflektiertes, moralisch anspruchsvollesDenken und Handeln nicht zuvörderst europäischen Gesellschaftenund darin wiederum deren sozialen Eliten zuzuschreiben, ist zu Rechtein ethnographisches Essential geblieben.
Aktuell bleibt sicherlich eine Aufmerksamkeitsrichtung, die sichmit der frühvolkskundlichen Universaliensuche verband: das Interes-se am popularen Umgang mit Grundbedürfnissen wie Essen, Trinken,Sexualleben sowie mit anthropologischen Grundtatsachen wie Ge-burt, Krankheit und Tod. Nicht zuletzt das trotz mancher Öffnungenweiterbestehende anthropologische Defizit bei Soziologie und Histo-riographie spricht dafür, Geschichte wie Gegenwart körpernaher Pra-xen als volkskundlich- kulturwissenschaftlichen Arbeitsschwerpunktbeizubehalten und auszubauen. Und sicherlich ist es sinnvoll, dielange Zeit gekappten Beziehungen zur physischen Anthropologie, mitder ja die frühe Volkskunde in Berlin wie in Wien organisatorisch undpersonell recht eng verbunden war, wieder aufzunehmen. Ein Kultu-
30 Vgl. Eibl- Eibesfeldt, Irenäus: Universalien im menschlichen Sozialverhalten. In:Rössner, Hans( Hg.): Der ganze Mensch. Aspekte einer pragmatischen Anthro-pologie. München 1986, S. 80-91.
31 Geertz, Clifford: The Impact of the Concepts of Culture on the Concept of Man.In: Ders. The Interpretation of Cultures. Selected Essays. New York 1986,S. 33-54; hier S. 39.
32 Zur Geschichte der Universalienforschung vgl. Gregor Reichelt unter Mitarbeitvon Bernhard Metz: Universalien.( www.uni-konstanz.de/FuF/sfb511/publika-tionen/ universalien.html)