Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LIX/ 108, Wien 2005, 133-150
Das primitivistische Erbe der Volkskunde¹
Bernd Jürgen Warneken
Wie bei kaum einer anderen Forschungsdisziplin liegt es bei derVolkskunde nahe, ihre Gründung mit spezifischen nationalen Befind-lichkeiten und Entwicklungen zusammenzubringen. Doch diese An-nahme greift wenn auch nicht fehl, so doch zu kurz. Die Etablierungder Volkskunde, die sich Ende des 19. Jahrhunderts in zahlreichenVereins- und Zeitschriftengründungen vollzog, war ein europäischesPhänomen. Zwischen 1878 und 1888 fanden sich in England, Spani-en, Italien, Frankreich und Holland Folklore- oder Volkskundegesell-schaften zusammen. 1889 wurde in Paris der erste internationaleFolkloristen- Kongreẞ veranstaltet. In den Jahren 1890 bis 1896 wur-den in Deutschland, Österreich- Ungarn und der Schweiz nationaleVolkskundevereine aus der Taufe gehoben. Und so sehr landesspezi-fische Denktraditionen die jeweiligen Programmatiken beeinflussten,waren diese doch Teilhaber eines gemeinsamen Projekts. Es ging umdas Sammeln und Retten von Kulturzeugnissen, die durch die aktuellewirtschaftliche und soziale Entwicklung bedroht erschienen. Zudemvertraten viele der Volkskundegründer eine kulturevolutionistischeAuffassung, welche den europäischen Volkskulturen einen ähnlichenheuristischen Wert zusprach wie die damalige Völkerkunde denaußereuropäischen Kulturen: Sie wurden zu archäologischen Quellenerklärt. George Laurence Gomme, einer der Begründer der britischenFolkloreforschung, schreibt 1892:„ The essential characteristic offolklore is that it consists of beliefs, customs, and traditions whichare far behind civilisation in their intrinsic value to man, though theyexist under the cover of a civilised nationality.(...)( I) ts constituentelements are survivals of a condition of human thought more back-ward, and therefore more ancient, than that in which they are disco-1 Dieser Beitrag ist eine Neufassung der Überlegungen zum volkskundlichenPrimitivismus, die ich 2003 unter dem Titel ,, Volkskundliche Kulturwissenschaftals postprimitivistisches Fach“ vorgelegt habe.( In: Kaspar Maase/ Bernd JürgenWarneken( Hg.): Unterwelten der Kultur. Themen und Theorien der volks-kundlichen Kulturwissenschaft. Köln usw. 2003, S. 119–141.