2005, Heft 2-3
Ur- Ethnographie und Moderne
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gedacht wird das ,, Ur" hat eine Struktur, folgt einem Prinzip, dassich auf allen Ebenen als gültig erweist und sich ins Lokale eingräbt:Volkskunde fungiert auch im Kleinen als Modernisierungsagentur.Der Kerbschnitt in Nordfriesland, der im Flensburger Museum beiVater und Sohn Sauermann seine Heim- und Pflegestätte gefundenhatte, wurde als urgermanisch angesehen und zum typisch Friesi-schen stilisiert.36 Wie anderswo auch, handelt es sich um einen Flach-schnitt, der ausschließlich mit der Geraden und mit Zirkelschlagmo-tiven arbeitet und zu seiner Herstellung nur ein Messer benötigt.37Seine Formen sind also durch das Werkzeug des Zimmermanns, ebenLineal und Zirkel bestimmt. Sie liegen folglich typologisch vor denGeräten des Tischlers und dessen entwickelteren Formen, die vorallem das breite Spektrum der Hobel möglich macht. Mit diesemDekor hat man auch Salzfässchen versehen. Wie überall zeichnet dieApplizierung von Volkskunst das Besondere aus: den Behälter für denwertvollen Gegenstand Salz. Ein Umstand der, so hat Walter Stengelgezeigt, die aufwändig- kunstvolle Gestaltung der Zuckergefäße im17. und 18. Jahrhundert erklärt – Wertvolles verlangt ein kunstvollesBehältnis.
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Das ,, Ur" wabert auch dann mit, wenn es sich sprachlich hinterAnderem verbirgt. Das zeitgenössische Bauen in Vorarlberg folgteinem Denken, das einfache Formen mit den Materialien der Land-schaft verbinden will. Rechte Winkel, das Material Holz bilden hiereine raffinierte Einfachheit klarer Linien und Beziehungen aus, diemit mentalen Eigenschaften des Landes verwoben, als Identität mar-kiert werden. Bereits zu Eugenie Goldsterns Zeiten wird in Wien dasOrnament als Verbrechen, als unmoralisch, als Entfernung vom Ein-fachen gebrandmarkt und in der Konsequenz will formale Reinheitals Kult zelebriert werden. 38 Auch der Minimalismus der 1990erJahre, der leerlaufend keine andere Botschaft als eben die Leere hatte,scheint hierher zu gehören in die Welt ästhetischer Sensationen.,, Barfuss auf marmornen Mauern" ist der Titel von Peter Eisenmanns
36 Schulte- Wülwer, Ulrich: Heinrich Sauermann. Ein Möbelfabrikant des Historis-mus. Flensburg 1990( Begleitheft zur Ausstellung).
37 Gerne versteht man ihn u.a. deshalb auch als Hirtenkunst. Siehe dazu etwa Fél,Edit, Tamás Hofer, Klára Csilléry: Hungarian Peasant Art. Budapest 1958.38,, Nur Einfaches ist gewiss", so hat Mathias Schreiber einen Artikel zum 100. Ge-burtstag von Mies van der Rohe am 27. März 1986 in der Frankfurter Allgemei-nen Zeitung überschrieben.