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Konrad Köstlin
ÖZV LIX/ 108
Ur- Ethnographie- ein Begriff der Moderne
Ur- Ethnographie kann das ist keine Frage- nur aus der Moderneheraus gedacht werden. Ähnlich wie der von Edward Said formulierte„ Frontier orientalism“, oszilliert das Wort zwischen der Überlegen-heit der modern gewordenen und fortschrittlich zivilisierten Welteinerseits und streitet mit der Faszination, die jenes fremde Einfachebewundert. Der Verlust des Einfachen zählt zu den Gestehungskostender Moderne. Das Einfache musste als Preis für die Moderne aufge-geben werden und will doch nicht verloren gegeben sein. Ja, manch-mal will es- wie in den derzeitigen Retro- Stilen- wenigstens imZitat als das Anfängliche wiedergewonnen sein. Ürethnographie alsBegriff spielt ein Bild einer scheinbar langen Konstanz ein desInvarianten und damit eines Verlässlichen, das in einen Gegensatz zuunseren heutigen Lebenserfahrungen schneller und stetiger Verände-rungen gesetzt wird.
Die Wortbildung ,, Ur- Ethnographie“ ist von der Idee beseelt, nichtethnographische, sondern gesteigerte ethnologische Tiefen- Wahrheitzu fassen. Dabei wird Einfachheit als die Essenz des Ethnologischenverstanden. Andre Jolles hatte 1930 die„ einfachen Formen“ alsGrundprinzip der Volksdichtung benannt. Die Ur- Ethnographiesucht eine Essenz, einen Grund vorzufinden. Und diese Essenz istnicht nur ethnologischer Art, sie genügt zugleich den höchsten ästhe-tischen Ansprüchen der Moderne. Hier wiederholt sich eine Ideeästhetischer Einfachheit und Größe, wie sie Friedrich Schiller inseinen Überlegungen zur ,, naiven und sentimentalischen Dichtung"bereits formuliert und damit ein zentrales Manifest moderner Befind-lichkeit vorgelegt hat: Die naive Dichtung ist die größte Nähe zumUrsprung, welche die sentimentalische Dichtung vergebens zu errei-chen sucht.
Inhaltlich ist der Begriff Ur- Ethnographie in sich selbst wider-sprüchlich. Man muss kein Philosoph sein, um zu bemerken, dassEthnographie eine empirische Kategorie ist, die Vorsilbe„ Ur“ da-
8 Jolles, Andre: Einfache Formen. Legende, Sage, Mythe, Rätsel, Spruch, Kasus,Memorabile, Märchen, Witz. Halle 1929; siehe dazu auch Bausinger, Hermann:Formen der ,, Volkspoesie". Berlin 1968.
9 Siehe hierzu auch Texte in: Nikitsch, Herbert, Bernhard Tschofen( Hg.): Volks-kunst. Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1995 in Wien. Wien1997; insbesondere den Beitrag von Gottfried Korff.