Aufsatz in einer Zeitschrift 
Ur-Ethnographie und Moderne
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LIX/ 108, Wien 2005, 115–131

Ur- Ethnographie und Moderne

Konrad Köstlin

Das ,, Ur" in unserer alltäglichen Rede

Das Wort Ur- Ethnographie, das in den 1920er Jahren häufiger ver-wendet wurde, steht auch heute nicht allein da, es ist ihm freilich seindamaliger Kontext verändert. Denn ur ist auf neue Weise in.Urgeil, ja urcool und, schon etwas älter, urkomisch und uralt- dieVorsilbe ,, ur" ist uns im Slang meist als Steigerungsform des Norma-len in Richtung Superlativ geläufig. ,, Ur" ist das Ultimum, das Höch-ste, Alpha und für viele auch Omega zugleich. Max Horkheimer hateinmal angemerkt, dass, wer zuviel mit dem Superlativ operiere, demVerdacht der Ideologie verfalle. Und verdächtig ist uns, den nochVolkskundlern, dieses Ur auch im Zusammenhang mit der so po-pulären Rede von den uralten Bräuchen. Wenn wir von Ur- Ethnogra-phie und Moderne reden, ist es nicht nur die Moderne der 1920erJahre, sondern, wenn wir es heute tun, die späte und jeweils unsereModerne. Unsere Moderne, die als letzte und gegenwärtig schonvergangene, auch die höchste, neueste und damit gesteigerte Urmo-derne sein müsste.

,, Ur" anthropologisch

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Vor nicht allzulanger Zeit hörten wir im Zusammenhang mit derTsunami- Flutwelle wieder einmal von Ur- Einwohnern, diesmal aufden Nikobaren und Andamanen. Immer wieder einmal taucht dieses,, Ur" für anfängliche, für mutmaßliche Erst- Bewohner auf. Die An-damanen und Nikobaren, der Ort jener Ureinwohner, waren ,, einschwarzes Loch in den Tagen der Katastrophe. Niemand hatte vorherüber sie berichtet. Die ,, Urvölker auf den Andamanen und Nikobarenwählen nicht", sind politisch belanglos, ohne Parlament, schreibt der