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Literatur der Volkskunde
ÖZV LIX/ 108
Sinne einer historischen Volkskunde vorgegangen. Die Ikonographie derNationen werde, so die Autorin, historisch- politisch und tagespolitischkontextualisiert und hinsichtlich der Rezeption von Druckgraphiken, derenDistribution und Nutzung betrachtet. Vieles des engagierten und ganzheit-lichen Anspruches wird in dieser Studie durchgehalten. Allerdings kristalli-siert sich im Laufe der Lektüre heraus, dass die Ziele wohl zu hoch gestecktsind und oft in der unscharfen Begriffsverwendung verschwimmen: ,, DieFunktion der dargestellten nationalen Typen wird im abschließenden Kapitelerläutert, in dem die Funktionalisierung von Stereotypen im Mittelpunktsteht."( S. 12)
Interessant für deutschsprachige Rezipienten des Bandes ist der Blick aufdie englische Fachliteratur zur Druckgraphik. Innerhalb der Literatur zurvolkskundlichen Bilderforschung bezieht sich Silke Meyer auf die einschlä-gigen Werke von Rudolf Schenda über Wolfgang Brückner und MartinScharfe zu Christa Pieske, klammert aber die im interdisziplinären Bereichentstandenen neueren Studien( etwa Ulrich Hägele und Helge Gerndt), diesich intensiv mit Bildrezeption beschäftigen, aus, obwohl dort möglicher-weise interessante methodische Ansätze auch für eine historische Druck-graphikforschung zu finden wären.
Ein Verdienst dieser Arbeit ist es, englische Nationen- Typisierungen inihrer Entwicklung aus den historischen Allianzen und Konflikten des Lan-des mit anderen ,, Nationen“ darzustellen und zugleich das gesellschaftlichePotenzial der Middle Class im Prozess der Bildschöpfung wie der Bildre-zeption herauszustellen. Wie bestimmend die Rolle der großen Druckhäuserauch innerhalb der englischen Gesellschaft und deren Vorstellung vonNiederländern, Deutschen, Franzosen, Italienern und Spaniern wird, führtdie Untersuchung zum Entstehen der Typisierungen klar vor Augen. Beson-ders überzeugend sind die Studien zum Umfeld der Druckgraphiken, derenVerbreitung und die Preispolitik der Unternehmen. Gerade in diesem Be-reich könnte die Arbeit auch für den angelsächsischen Raum aufschlussreichsein, wo offenbar bisher die billigen Nachdrucke berühmter Karikaturennamhafter Zeichner, die sogenannten Popular Prints in ihrer Bedeutung fürdie ,, Bildung" breiter Bevölkerungsschichten so noch nicht bearbeitet wur-den. Dass visualisierte Feindbilder in Form von Druckgraphiken durchParteien oder Parteigänger finanziert wurden, um dank günstigen Preisesder Bilder Meinungen zu verbreiten, ist ein weiterer wichtiger Aspekt imBereich von Deutung, Bedeutung und Funktion populärer Graphiken.
Überraschend reichhaltig ist die Bildauswahl für diese Arbeit, die einBildrepertoire präsentiert, das selbst bei Graphikspezialisten in weiten Tei-len unbekannt ist, da die populären Blätter bzw. die popularisierten Fassun-gen bekannter englischer Karikaturisten bisher weder bei Kunsthistorikern