Jahrgang 
108 (2005) / N.S. 59
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Chronik der Volkskunde

ÖZV LIX/ 108

,, neuen Europa in den Mittelpunkt zu stellen, also jene Erfahrungen,Orientierungen und Handlungen, in denen die transformierten Ordnungenwahrgenommen und erlebt werden. Gemäß der Perspektive unseres Faches,das Gesellschafts- und Kulturwandel am konkreten Ort und im konkretenLebenszusammenhang untersucht, richtet Tschofen seinen Blick dabei im-mer wieder spezifisch auf die Frage der Regionen, die nicht einfach alsgeographische Terrains, sondern als historisch entstandene kulturelle Be-deutungszusammenhänge zu begreifen sind; sie sind nicht das Produkt,sondern der Prozess: Man könnte auch sagen, Regionen ,, geschehen. DieReflexion dieser Dynamiken wird als Voraussetzung zur aktiven Gestaltungregionaler Veränderungsprozesse gesehen, wobei Museen und Veranstal-tungen wie diese eine wichtige Rolle spielen. Sie bieten die Möglichkeit,das Leben mit Unterschieden zu lernen und zu lehren und durch das gemein-same Wissen um die Differenzen grenzüberschreitender Regionen wieder-um Kohärenz zu schaffen.

Ein ganz konkretes Beispiel einer, Transformation des Gewohnten"präsentierte Gabriela Kiliánová( Akademie der Wissenschaften Bratislava)in ihrem Beitrag über postsozialistische Transformationen in der Slowakeinach 1989: Sie beschrieb anhand des Rituals der Beerdigung systemhafteVeränderungen, die in drei Projekten untersucht wurden. Die Forschungenwurden in einem Dorf bei Bratislava auf der Mikroebene durchgeführt, ohneaber dabei eine Bezugnahme auf Europa zu vernachlässigen. Kiliánováfragte nach Akteuren und Agenturen der Veränderungen, nach ihren Rollenfrüher und heute. Sie betonte, dass ein Ritual nicht nur pragmatisches Handelnist, sondern auch normative Handlungsweisen und Orientierungen reflektiert.Durch den verminderten Einfluss der Politik und die wachsende Rolle derKirche( im Gegensatz zu den in anderen europäischen Ländern stattfindendenSäkularisationsprozessen), welche durch vermehrte Präsenz in der Öffentlich-keit nach 1989 in der Slowakei begünstigt wurde, fanden Veränderungen desBeerdigungsrituals statt, die zwar in weiten Teilen eine Rückkehr zu tradi-tionellen Formen bedeutet, doch gleichzeitig bewirken urbane Einflüsseeine Verbindung von neuen Moden und alten Traditionen.

,, Think different!" lautete der Aufruf von Elka Tschernokoshewa( Sorbi-sches Institut Bautzen) am Beginn ihrer Ausführungen über die Innovati-onspotentiale offener Grenz- Räume. Sie betonte zunächst die ambivalenteBedeutung von Differenz, die einerseits- positiv besetzt- von der Werbungintensiv genutzt wird, andererseits aber auch in einem negativen Sinngebraucht wird, wie etwa in den Diskussionen rund um einen eventuellenEU- Beitritt der Türkei. Auch zwischen den ,, EU- 15" und den neu beigetre-tenen Staaten Osteuropas besteht Differenz die Kernfrage Tschernokoshe-was war, wodurch diese Länder für das, alte" Europa interessant sein