2005, Heft 1
,, Scheinasylanten“ und„, Wirtschaftsflüchtlinge"?
33
Gastarbeiter, sondern ,, accidental citizens" 39 und als solche überwie-gend von Ressourcen, Kapital und Erwerbsmöglichkeiten der Gesell-schaft abgeschnitten, fallen jedoch trotzdem in den Verantwortungs-bereich des Staates. Und wenn ,, Gruppen, die zum wirtschaftlichenund sozialen Leben eines Landes gehören, aus dem Bereich desPolitischen ausgeschlossen werden, so untergräbt dies die Legitimitätdes Staates und stellt seine Beziehung zur bürgerlichen Gesellschaftin Frage, wie Stephen Castles feststellt.
Die Theorien und Erklärungsmuster zu den Beweggründen vonMigrationen in den unterschiedlichen Disziplinen wie Ökonomie,Soziologie, Ethnologie, Demographie und Geschichte sind so vielfäl-tig, dass es hier kaum angestrebt werden kann, einen zusammenfas-senden Überblick über alle Erklärungen und Modelle zu geben." 1 Abergerade die Illegitimität, die sich im Bild des ,, Scheinasylanten“ und,, Wirtschaftsflüchtlings" spiegelt, verweist deutlich auf das weit ver-breitete Push- und Pull- Modell der„, Neoklassischen Ökonomie“,welches auf den Untersuchungen von Ernest Georg Ravenstein be-ruht. Dieses sei kurz erläutert, da es in den gängigen Argumentationenum undokumentierte Migration in Medien und Politik immer wiederauftaucht. Ravensteins ,, Gesetze der Wanderung" 42 argumentierenanhand der Zensusdaten von 1871 und 1881 eine Differenz vonAngebot und Nachfrage nach Arbeitskräften, was Migrationen beein-flusse. Die Argumentation ist denkbar einfach: In dem Modell wirddavon ausgegangen, dass es bestimmte Push- Faktoren gibt wieArmut, Krieg, Hungersnot-, welche Menschen dazu bewegen, ihrLand zu verlassen. Auf der anderen Seite gäbe es Pull- Faktoren,39 Im November 2003 hat der amerikanische Anthropologe Arjun Appadurai imMuseumsquartier in Wien im Rahmen eines internationalen Symposiums zu,, Cultural Diversity. The quest for Common Moral Ground and the Public Roleof the Media" den Begriff ,, accidental citizens" sehr treffend für undokumentierteMigrantInnen benutzt.
40 Castles, Stephen: Weltweite Arbeitsmigration, Neorassismus und der Niedergangdes Nationalstaates. In: Bielefeld, Ullrich: Das Fremde und das Eigene. NeuerRassismus in der alten Welt? Hamburg 1998, S. 129-158, hier S. 131.41 Vgl. Wagner, Michael: Räumliche Mobilität im Lebenslauf. Eine empirischeUntersuchung sozialer Beziehungen der Migration. Stuttgart 1989; Hammer,Tomas, Grete Brochmann, Kristof Tamas, Thomas Faist: International Migra-tion, Immobility and Development. Multidisciplinary Perspectives. Oxford
1997.
42 Vgl. Ravenstein, Ernest Georg: The strange adventures of Andrew Battell ofleigh, in Angola and the adjoining region. London 1991, S. 11.