Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde108 (2005) / N.S. 59Kratzmann, Katerina: „Scheinasylanten“ und „Wirtschaftsflüchtlinge“?

  
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„Scheinasylanten“ und „Wirtschaftsflüchtlinge“? : zur Ausgrenzung undokumentierter MigrantInnen in Österreich
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Katerina Kratzmann

ÖZV LIX/ 108

Beschäftigung von MigrantInnen( und deren Abschiebung) möglichmacht und Arbeitskräfte noch billiger und erpressbarer werden. 35,, Ineinigen Ländern werden irreguläre Einwanderer zwar nicht offiziell,aber doch stillschweigend geduldet, weil sie einen ökonomischenBeitrag leisten, auf den aus Rentabilitätsgründen viele Arbeitgeberund aus Standorterwägungen auch viele Politiker nicht verzichtenwollen." 36 Undokumentierte MigrantInnen, die den gängigen Argu-mentationen folgend aus armen Ländern kommen und ,, unser" Asyl-system überlasten, sind in den meisten Fällen genau diejenigen, dienicht wie in Carlos Fall als Computerexperten arbeiten, sondern alsKöche in der Gastronomie ,, unser Essen kochen, als Handwerkerund Maurer ,, unsere Häuser bauen und als Putzfrauen in österreichi-schen Haushalten aushelfen., Pools" von arbeitswilligen Arbeiternwerden in der Schere zwischen den Möglichkeiten der, illegalen"Beschäftigung und den Grenzen, welche durch die Abschiebungdrohen, erzeugt. Erst in dem Zusammenspiel von Integration in denArbeitsmarkt und gleichzeitiger Exklusion von staatsbürgerlichenund sozialen Rechten liegt das Potential zur Schaffung eines ,, laboursupply system". 37 Obwohl es natürlich auch arbeitsunwillige Migran-tInnen gibt, die nach Europa und Österreich kommen, um sich mög-lichst versorgen zu lassen, ist es doch fraglich, wieweit eine Ausgren-zung als ,, Entweder- Oder- Formel" wirklich greift. Wenn man denexkludierten Bereich, in dem undokumentierte MigrantInnen inÖsterreich leben, nicht gänzlich außerhalb der Gesellschaft verortet,sondern als ,, Sowohl- Als- Auch", als das Aus- gegrenzte in der Gesell-schaft, dann sind diese MigrantInnen auch Teil der bürgerlichenGesellschaft.38 Sie sind zwar keine Bürger, keine Ausländer, keine

35 Vgl. Prader, Thomas: Moderne Sklaven: Asyl- und Migrationspolitik in Öster-reich. Wien 1992; Cinar, Dilek( Hg.): ,, Geglückte" Integration und Staatsbürger-schaft in Österreich. In: L'Homme. Zeitschrift für feministische Geschichtswis-senschaft, 10. Jg., Heft 1. Wien 1999, S. 45-62.

36 Angenendt, Steffen, Imke Kruse: Irreguläre Wanderungen und internationale Politik.In: Blum, Matthias, Andreas Hölscher, Rainer Kampling( Hg.): Die Grenzgänger.Wie illegal kann ein Mensch sein? Opladen 2002, S. 11-24, hier S. 11.

37 Vgl. Sassen, Saskia: The Mobility of Labour and Capital. A study in internationalinvestment and capital flow. Cambridge 1988; Dies.: Cities in a world economy.Thousand Oaks 1994.

38 Vgl. Sassen, Saskia: Guests and aliens. New York 1999; Tóth, Barbara: DieMetropole der Migranten. Kontinuitäten, Brüche und Perspektiven der Ein-wanderungsstadt Wien. Universität Wien 1998.