Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde108 (2005) / N.S. 59Kratzmann, Katerina: „Scheinasylanten“ und „Wirtschaftsflüchtlinge“?

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
„Scheinasylanten“ und „Wirtschaftsflüchtlinge“? : zur Ausgrenzung undokumentierter MigrantInnen in Österreich
Einzelbild herunterladen
 
  

2005, Heft 1

,, Scheinasylanten und, Wirtschaftsflüchtlinge?

29

Ressourcen etc. und gleichzeitig integriert in Arbeitswelt, sozialeKreise usw. Die rechtliche Ausgrenzung bedeutet nicht, dass jemandgar nicht teilnimmt am gesellschaftlichen Leben und die individuel-len Erfahrungen von undokumentierten MigrantInnen sind deutlichdurch die österreichische Gesellschaft beeinflusst, es ist etwas ganzanderes, ob ich in Frankreich, Belgien oder in Österreich ,, illegal" bin.

In Österreich wurde die institutionelle Ausrichtung der Migrati-onspolitik und-kontrolle historisch stark von der nachhaltigen Vor-herrschaft der beiden Parteien ÖVP( Österreichische Volkspartei) undSPÖ( Sozialdemokratischen Partei Österreich) beeinflusst. Im Bezugauf die Migrations- und Zuwanderungspolitik waren sie immerschwer auf einen Nenner zu bringen, denn während die SPÖ sichdafür einsetzte, den Arbeitsmarkt so geschlossen wie möglich zuhalten, um genug Arbeit für lokale Arbeiter zu garantieren; argumen-tierte die ÖVP mit dem, Standortfaktor und Profitabilität, welchevor allem garantiert wird, indem Arbeitsmärkte geöffnet und dieLöhne niedrig gehalten werden. Ich kann an dieser Stelle nicht denganzen Prozess der Verhandlungen um Migrationspolitik in Öster-reich darstellen24, sondern lediglich darauf hinweisen, dass es seit den50er Jahren deutliche Gegensätze der Interessenvertreter in der öster-reichischen Gesellschaft gibt, die scheinbar bis heute schwer zuüberbrücken sind. Vor den 60er Jahren war der Umgang mit densogenannten ,, Fremden rechtlich äußerst simpel geregelt: Es gab einPassgesetz, welches Visa erteilte, und ein Fremdenpolizeigesetz, dasbei kriminellen Handlungen für die Ausweisung und Abschiebungsorgte. Eine Zuwanderungsregulierung im heutigen Sinne hat es biszum Ende der 60er Jahre nicht gegeben und erst mit dem wirtschaft-lichen Aufschwung und der Anwerbung von Gastarbeitern aus Jugo-slawien und der Türkei entstand eine offizielle Zuwanderungs-schiene.25 In den siebziger Jahren erschienen ,, Ausländer dann erst-mals als potentielle Bedrohung der sozialen Sicherheit der österrei-chischen Gesellschaft, da sie als Arbeitskräfte nicht mehr gebraucht24 Vgl. Haberfellner, Regina: Austria: Still a highly regulated economy. In: Kloster-man, Robert, Jan Rath( Hg.): Immigrant Entrepreneurs. Venturing abroad in theage of globalisation. Oxford- New York 2003, S. 213-232.

25 Vgl. Lichtenberger, Elisabeth: Gastarbeiter. Leben in zwei Gesellschaften. Wien-Köln- Graz 1984; Leitner, Helga: Gastarbeiter in der städtischen Gesellschaft.Segregation, Integration und Assimilation von Arbeitsmigranten. Am Beispieljugoslawischer Gastarbeiter in Wien. Frankfurt am Main 1983; Kroißenbrunner,Sabine: Soziopolitische Netzwerke türkischer MigrantInnen in Wien. Wien 1996.