Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band LIX/ 108, Wien 2005, 21-42
,, Scheinasylanten“ und„, Wirtschaftsflüchtlinge"?Zur Ausgrenzung undokumentierter MigrantInnen in Österreich
Katerina Kratzmann
Undokumentierte MigrantInnen befinden sich in einer wider-sprüchlichen Lage: sie sind in den europäischen Gesellschaf-ten ihrer rechtlichen Definition als„, Illegale“ und ihrer me-dialen Repräsentation als ,, Wirtschaftsflüchtlinge" und,, Scheinasylanten“ nach außerhalb der gesellschaftlichenStrukturen, da sie sich unrechtmäßig innerhalb der Grenzeneines Nationalstaates bewegen; gleichzeitig sind sie jedochaktiver Bestandteil des wirtschaftlichen, kulturellen und so-zialen Lebens der meisten Staaten. In dem Aufsatz werden
anhand des Beispiels Österreich Formen der Ausgrenzung undIntegration von undokumentierten MigrantInnen beschrie-ben, wobei Migrationsmotivationen, Theorien zur Polarisie-rung von MigrantInnengruppen und ihre Bedeutung für dieSchattenwirtschaft im politischen und historischen Kontextdargestellt werden.
Carlos wurde als Sohn eines Iraners und einer Österreicherin vorvierzig Jahren in der Schweiz geboren. Was zunächst ganz normalklingt, nämlich dass man nicht in dem gleichen Land geboren wird,aus dem die( aus unterschiedlichen Nationen stammenden) Elternkommen, hat für Carlos zu weitreichenden Konsequenzen bezüglichseiner Nationalität geführt. Nachdem sich die Eltern getrennt hatten,wurde er mit in den Pass des neuen Stiefvaters, eines Chilenen,eingetragen, mit dem die ganze Familie dann nach Chile übersiedelte.Dort hätte es bezüglich seiner Staatsangehörigkeit oder der Papierekeine Probleme gegeben, erzählt Carlos, weil der Stiefvater überallbekannt war und Carlos nationale Identität nicht thematisiert wurde.Als er dann volljährig wurde und an die Universität zum Studieren
1 Das Interview mit Carlos( Name geändert) fand am 3. März 2003 um 17.00 Uhrstatt. Dieses wie alle folgenden Interviews sind im Rahmen einer Feldforschungfür ein Dissertationsvorhaben über undokumentierte MigrantInnen in Wienentstanden.