Jahrgang 
107 (2004) / N.S. 58
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Literatur der Volkskunde

ÖZV LVIII/ 107

gen kam er seinen naturwissenschaftlichen Interessen nach, besuchte Berg-werke und erwanderte Gebirgsgegenden. Mehrerer Fremdsprachen kundig,beschäftigte er sich seit seiner Jugend mit Heilkunde. Seine dem Rationa-lismus verschriebene kritische Geisteshaltung prägt den Text seiner umfas-senden Reisebeschreibung, die nun, gekürzt und kommentiert, von KurtScharr, Mitarbeiter am Institut für Geographie der Universität Innsbruck,herausgegeben wurde.

Schon in der ,, Vorrede" Hacquets ist zu lesen, dass die Karpaten dasSchicksal haben, von Naturforschern am wenigsten bereist zu werden, seies wegen der Wildheit der Bewohner des Gebirges, wegen des schweren,, Fortkommens" oder wegen ,, des geringen Nutzens". Offensichtlich ginges ihm um eine intensivere ökonomische und gesellschaftliche Wahrneh-mung des von vorangehenden Forschern nur im Ansatz erschlossenen Ge-birges.

Die Neuherausgabe von Haquets Buch richtet den Fokus neuerlich aufeine europäische Peripherie, deren Rezeption im Schatten wachsender ge-sellschaftlicher und politischer Sehnsüchte verankert ist. Botschafter EmilBrix, ein ausgewiesener Kenner der Karpatenländer, sieht in seinem Geleit-wort diese Sehnsuchtsräume im Osten des Kontinents gelagert und verweistauf die Auflösung nationalstaatlicher Ordnungen des 19. und 20. Jahrhun-derts, die sukzessive Vorstellungen von übernationalen räumlichen Einhei-ten weichen. In diesem Zusammenhang versuchte auch das InternationaleJahr der Berge 2002, zu einem öffentlichen Bewusstseinswandel in Bezugauf die Gebirgsräume der Welt als, Einheit in der Vielfalt beizutragen. Dasscheint, zumindest was die Beziehungen zwischen den Alpen und denKarpaten anlangt, nicht gelungen zu sein, da eine gegenseitige Kenntnisnah-me weitgehend ausblieb. Vielleicht ist deswegen dem Buch neuerlich dieIntention vorangestellt, ein gemeinsames Europa, diesmal auf dem Funda-ment eines ungeteilten Gebirgsraumes als zusammengehörende Kulturland-schaft zu thematisieren. Österreich, insbesondere die BundeshauptstadtWien, nimmt bei dem Versuch, ein kollektives Bewusstsein für diese euro-päische Randlage zu erzeugen, eine Schlüsselrolle ein. Als Mittelpunkt einesKreises mit einem Radius von 600 Kilometern, auf dem sich Lemberg undZürich als Punkte abbilden lassen, gerät die Stadt zur Vermittlerin vonSehnsüchten nach dem vergangenen Großen und einer mehr oder wenigerrückwärts projizierten Harmonie des Miteinanders der Kulturen. Schließlichdominierten Wien und Budapest bis zum Ende des Ersten Weltkriegs diewestliche Seite des Karpatenbogens. Letztendlich erzeugt diese trendhafteMischung aus intellektuellen Idealen und historisierenden Positionen einepolitisch- gesellschaftliche Intention, die einem regionalen Standpunkt ausdem betroffenen Gebiet zumindest gegenüber gestellt werden sollte.