Jahrgang 
107 (2004) / N.S. 58
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2004, Heft 4

Chronik der Volkskunde

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tionen, die nicht immer mit den inhaltlichen Interessen von Teilnehmern undTeilnehmerinnen korrespondierten.

Das auf einem Hügel mit prachtvoller Aussicht auf das gesamte Hafen-becken von Marseille als Tor zum Mittelmeer gelegene Palais du Pharo botden passenden Rahmen für das Eröffnungsreferat von Christian Bromberger,in dem er drei Visionen des mediterranen Raumes darzustellen suchte.Zunächst entwickelte er an Beispielen von Passagen der Geschichte( Otto-manisches Reich) und von kosmopolitischen Häfen und Städten( Alexan-dria) ein Bild von Begegnungen und des fruchtbaren Kulturaustausches,einer oft idealisierten Convivenza zwischen Ost und West, von Algier bisIstanbul, die sich in literarischen Zeugnissen, Musik, Tanz, gemeinsamerKüche, Mobilität von Händlern usw. manifestierte. Parallel dazu existiereaber auch das Kontrastszenario von Krieg und Sklaverei, ethnischen undkonfessionellen Grenzen, vom Mittelmeer als ,, natürlicher" Barriere gegendie Armut. Eines der Beispiele: die unterschiedlichen Kirchentöne, derkatholischen Glocken, dem muslimischen Ruf des Muezzins und der stum-men jüdischen Gemeinschaft ohne hörbare Rufe zum Gebet. Die Merkmaleeines gemeinsamen Referenzsystems seien weiter zu untersuchen, und dieDefinition des Mediterranen läge sowohl in sich gegenseitig ergänzendenUnterschieden als auch in wechselseitigen Widersprüchen. Man sei sichweder zu nah noch zu fern, und das könne, in Abhängigkeit von politischenVerhältnissen und täglichen Lebensumständen, eben in narzistische Un-nachgiebigkeit, gegenseitige Toleranz oder in Attitüden der freundlichenWahrnehmung von Verhaltenskuriositäten münden. So könne die Tatsache,, unter Anderen zu sein in ein und demselben Individuum in unterschied-lichen Kontexten sowohl die Vorstellung trennender Wände als auch ver-bindender Brücken hervorrufen.

Am nächsten Tag, an dem sich der Kongreß aus dem eleganten Palais indie Niederungen üblicher gesichts- und lichtloser Universitätshörsäle bege-ben mußte, folgten drei sehr unterschiedliche Plenarvorträge. Barbro Kleinstellte eine Microstudie vor, in der über einen Zeitraum von etwas mehr alszwanzig Jahren eine schrebergartenartige Ansiedlung bei Stockholm unter-sucht worden war, in der sich schwedische Bevölkerung gemeinsam mittürkischen und asiatischen Zuwanderern im Gärtnern und Zusammenlebenübten. Wenig überraschend das Ergebnis, daß sich Spannungen und Toleranzfür andersartiges Verhalten selbst nach 20 Jahren bestenfalls die Waagehalten. Susan Slyomovics referierte über das unterschiedliche Erinnerungs-verhalten von Israelis und Palästinensern im Zusammenhang mit dem durcheine israelische Grenzpatrouille 1956 in Kufr Qasim angerichteten Massa-ker an der dort lebenden palästinensischen Bevölkerung. Der Staat Israelübernahm keine Verantwortung für das Geschehen, da es nicht offiziell