2004, Heft 3
Chronik der Volkskunde
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analog ist, den man für Deutschland die ,, innere Wiedervereinigung“ ge-nannt hat, die so zeigt die aktuelle Diskussion-- immer noch nicht ge-lungen zu sein scheint. Auch die Osterweiterung ist in diesem Sinne eineWiedervereinigung, kommen doch Teile Europas zusammen, die über Jahr-hunderte auf das Engste miteinander verbunden waren, sei es in friedlicherKoexistenz, sei es hegemonial oder sei es in kriegerischer Auseinanderset-zung.
Die Erweiterung der Europäischen Union bringt sehr vieles in Bewegung,an erster Stelle sehr viel Unhinterfragtes, mit dem sich alle in den letztenJahrzehnten so bequem eingerichtet hatten. Aus dem In- Frage- Stellen un-hinterfragter Denk- und Handlungsmuster ergeben sich aber in der RegelIrritationen und Ängste; es sind Irritationen und Ängste, die zu Blockadenzwischen den Völkern und Menschen führen und das hervorbringen können,was in Deutschland als die ,, Mauer in den Köpfen“ bezeichnet wird. DerEinbezug der Länder des östlichen Europa in die Europäische Union istdamit auch ein Prozess, der sich in dem schwierigen Terrain kollektiverErfahrungen und Wahrnehmungen, Identitäten und Gefühle abspielt und derdas Handeln in Politik und Wirtschaft ebenso wie im Privaten stärkerbeeinflussen kann als viele sogenannte ,, harte Fakten“. Es ist, um es in denWorten von Dubravka Ugrešić zu sagen, eine ,, vertrackte Liebesgeschich-te" zwischen Ost und West.
Stereotypen und Vorurteile aber sind zählebig und erfahrungsresistent,wie etwa jene Wahrnehmungen zeigen, die die Völker in den ,, alten"EU- Ländern noch nach Jahrzehnten des Zusammenlebens voneinander ha-ben. Stereotype Bilder werden also, so steht zu befürchten, kaum jemalsganz verschwinden, weder zwischen ,, Ost" und ,, West" noch zwischen denNachbarländern. Entscheidend ist daher, dass sie nicht zu Feindbildernmutieren, dass sie von den Eliten nicht instrumentalisiert, sondern entschärftwerden, so dass sie keine zerstörerische Kraft mehr entfalten können. Einewesentliche Voraussetzung für ihre graduelle Veränderung ist aber das, wasCharles Taylor als ,, Politik der Anerkennung“ bezeichnet hat. Es ist eineHaltung, die nicht auf gleichgültiger ,, Toleranz“, sondern auf Zuwendungund aktiver Einbeziehung gründet, eine Haltung der Gesellschaft wie auchdes Einzelnen, die durch positive Wahrnehmung, durch Sympathie undkognitive Integration in das eigene Weltbild gekennzeichnet ist; es ist also
8 Ugrešić, Dubravka: In besseren Häusern redet man nicht darüber. Ost- undWesteuropa- eine vertrackte Liebesgeschichte. In: Neue Zürcher Zeitung vom8.2.1997.
9 Taylor, Charles, Amy Gutmann( Hg.): Multikulturalismus und die Politik derAnerkennung. Aus dem Amerikan. von Reinhard Kaiser. Fischer, Frankfurt amMain, 1997.