Aufsatz in einer Zeitschrift 
Reden und Essen : kommunikationsethnographische Ansätze zur Ethnologie der Mahlzeit
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Regina Bendix

ÖZV LVIII/ 107

sich heute auch weibliche Redner zu Wort melden sollen und dürfen.55Während für den Inhalt hauptsächlich das freundschaftliche undunproblematische Erzählen betont wird, ist formal das semi- kulina-rische Sprichwort ,, In der Kürze liegt die Würze" richtungsweisend.Außerdem sind die Festmahlsreden in den Ablauf der Speisenfolgeeinzufügen auf den ersten, kalten Hauptgang folgt die erste Rede,auf keinen Fall dürfen bereits warme Speisen aufgetragen sein, da dieGäste der Rede Aufmerksamkeit zu zollen haben.

Auch der Leichenschmaus wird bei größeren Trauergesellschaftendurch Reden punktuiert und auch hier gilt die Einhaltung von Wechselzwischen Gängen und Reden. Außer literarischen und cineastischenExempeln ist die Dürftigkeit der vorliegenden ethnographischen Da-ten bedauernswert. Während Ratgeber verschiedener Epochen überdie ideale Festrede und deren strukturellen Einbau ins FestmahlAuskunft geben, wird die gelebte Realität ein viel komplexeres Bildder Erfahrung Festmahl und Rede ergeben. Gerade weil festlicheAnlässe rar sind und Individuen, die sich lange nicht gesehen haben,sich in einer Situation der Kommensalität wieder finden, werden auchdie gesprochenen Worte oft auf eine Goldwaage gelegt und könnendie Relationen zwischen Menschen über Jahre positiv oder negativbestimmen.

Schließlich gibt es festliche Mahlzeiten, die ihre kulinarische Exis-tenz nur ihrer redenderweise bestätigten politischen Relevanz ver-danken. Empfänge im Haus politischer wie auch kirchlicher Ober-häupter werden durch Reden punktuiert, die inhaltlich den Grund fürden Anlass, die Verbindung zwischen den anwesenden Gästen sowiedie politische Zukunft, die aus dem gemeinsamen Mahl erhofft wird,referieren. Krasser noch ist das ,, Essen mit dem Kandidaten", das sichz.B. im amerikanischen Wahlkampf als Mittel, Gelder für die Wahl-kampfkasse zu generieren, in riesigem Stil durchgesetzt hat. Die Ehre,mit dem Kandidaten zu speisen und eine Wahlkampfrede bei Tischzu vernehmen, kostet je nach Höhe des Amtes und Berühmtheit desKandidaten zwischen 100 und 10.000$ pro Teller. Hier sind wir amkapitalistisch- spätmodernen Extrem der Schnittstelle Essen und Re-den angelangt. Die Zahl der heute archivierten und auch publizierten( insbesondere auch im Internet) Tischreden von Politikern steigt ins

55 Wolf, Bettina: Festessen und Festreden. Unveröffentliche Semesterarbeit amInstitut für Kulturanthropologie/ Europäische Ethnologie, Universität Göttingen2003, S. 12 f.