2004, Heft 3
Reden und Essen
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Wir sind netter zueinander.
Meistens redet nur Ihr( Eltern und Gäste) und wir hören zu.
Dasselbe Kind hat noch mit acht Jahren Besuch für ein Abendessenals qualvoll empfunden. Zwar schienen die Appetithäppchen, die zumAperitiv gereicht wurden, interessant und involvierten das Kind undseine Schwester in ungewohnter Weise( um besagte Häppchen her-umzureichen), die Mahlzeit selbst aber wurde als ,, furchtbar langwei-lig" empfunden, außer sie fand so spät statt, dass die Kinder schonvorher aẞen und nicht am Tisch anwesend sein mussten. Eine 15- Jäh-rige dagegen empfindet Gäste als eine potentiell interessante Ingre-dienz einer Mahlzeit nicht zuletzt weil das servierte Essen oft neuoder erlesener ist; sie hört mit, nimmt unterschiedliche Gesprächsstilewahr und klinkt sich, wenn der Mut und das Vertrauen da sind, auchin die Konversation ein.30
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Zu einem Essen bei sich zu Hause einzuladen bedeutet immer aucheine Einladung zur Konversation, und die Nervosität, die Gastgeberbei solchen Anlässen empfinden mögen, bezieht sich genauso auf dieKonversation wie auf das Essen. Eine Mahlzeit mag noch so köstlichschmecken: Wenn die geladenen Gäste im Gespräch nicht zueinanderfinden, das Reden stockt und das Schweigen durch lange Pausen denSchatten der Vereinzelung, des Mangels an Geselligkeit und Unge-zwungenheit über den Anlass wirft, dann wird ein Essen noch vielmehr als gescheitert empfunden als wenn eine Suppe etwas fade odereine Beilage verkocht war. So ist Schweigen denn eigentlich auch nurwährend der ersten, intensiven Zuwendung zu den Speisen üblich.Aus dem ersten Kosten und dem Beginn des Sättigens erwächstvielleicht auch ein erster Gesprächstopos- das genuine bis formel-hafte Kompliment an Koch oder Köchin, die Nachfrage nach Ingre-dienzen oder Rezepten, woraus sich eine Kette von Themen, assozia-tiv auseinander erwachsend, zum Tischgespräch formt. Die Angst vorder Stille, das Bewusstsein, dass sowohl die Regeln der Gastlichkeit
30 Diese Beobachtungen und Aussagen stammen aus dem eigenen Familienkreis,decken sich aber mit Aussagen des breiteren Bekanntenkreises in Deutschland.In manchen Regionen der USA, wo Essen mit Gästen oft informeller gehandhabtwird insbesondere Grillparties oder auch, je nach Anlass mit gemeinsamgekochtem oder mitgebrachtem Essen( das sogenannte ,, Potluck")- ergeben sichauch andere Kommunikationsmuster bei Mahlzeiten mit Gästen. Je nach ethni-scher Zugehörigkeit zeigen sich zudem weitere Spezifika und Regelhaftigkeiten,sodass Verallgemeinerungen kaum gewagt werden dürfen.