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Regina Bendix
ÖZV LVIII/ 107
Susanne frühstückt alleine, obwohl die Mutter, aus der Küche kommendund gehend, guten Morgen wünscht, den Tagesablauf mit der Tochterklärt, eine Jacke für den kühlen Morgen empfiehlt, und das Kind umge-kehrt Fetzen eines Traumes berichtet, fragt, ob noch Toastbrot da sei,bittet, den Vorrat an Multivitaminsaft zu ergänzen und einen Zettel fürdie Schule zu unterschreiben. Die Mutter meint, man hätte nicht schonwieder einen frischen Pulli anzuziehen brauchen und beklagt den Mar-meladefleck, der sich zwar wegwischen lässt, aber wohl klebrig bleibenwird. Das Radio läuft und vermittelt einen Kommunikationsrahmen, indem sich das Kind selbst eine fiktionale Teilnahme schaffen kann: Der,, Morgenmann Frankie" von ffn redet es ja gemeinsam mit anderenHörern auch als ,, Ihr“ an, und bei den gesendeten Musikhits kann Susan-ne fetzenweise auch mitsingen.
Die Frühstückspause bringt eine geordnete Unordnung ins Klassenzim-mer: 28 Kinder holen sich ihr Frühstückspaket aus dem Schulranzen,manche bekommen noch eine Flasche Schulmilch dazu, die man austrin-ken kann, auf der man aber auch mit dem Bleistift einen Takt anschlagenkann, und wenn sie leer ist, kann man blasenderweise damit Musikmachen, auch wenn die Lehrerin das verbietet. Während 10 Minuten sollruhig und am eigenen Platz gegessen werden, aber man darf reden, manchesetzen sich auf die Tische oder lehnen sich quer darüber, um an einemGespräch am Nebentisch teilzunehmen. ,, Was ist in Deinem Brot?" wirdetwa gefragt, und wer etwas anderes als ein Frühstücksbrot isst, wirdausgefragt, warum er denn heute Gugelhupf dabei habe. Tauschen ist ver-boten, aber manche lassen es sich dennoch nicht nehmen, genau zu beob-achten und zu kommentieren, was gegessen wird und wie gegessen wird.,, Mach doch den Mund zu, ich will nicht sehen, wie Du kaust“, kann da einelaut ausrufen und damit einem oder einer Gleichaltrigen genau diegleichen Korrekturen zukommen lassen, die sie etwa zu Hause selbsterfahren hat.
Zu Mittag isst Susanne wieder zu Hause, meist mit beiden Eltern, oderwenn die Mutter Nachmittagsdienst hat, mit dem Vater. Der dicke Perser-kater, der Familie ,, jüngstes Kind“, lümmelt um den Tisch und wird zumGesprächsthema und Ansprechpartner. ,, Ist er nicht süss heute?" meintdas heimgekehrte Kind, das das Tier auf den Schoß hebt und während desEssens knuddelt, oder ,, was willste mir wieder vom Teller stibizen?" DieMahlzeit inkludiert auch das Ab- und Aufräumen und selbst wenn alleguter Laune sind und Essen und Schweigen dominieren, wird Susannedoch stetig ermahnt, gerade zu sitzen, das Messer richtig zu verwendenund sich hilfreich zu zeigen. Das Abendessen verläuft in gleicher Weiseund das Gespräch bricht auf in elterliches Zwiegespräch, Einmischen desKindes, Anfragen an das Kind und Korrekturen seines Verhaltens.