2004, Heft 3
Reden und Essen
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ben“. Georg Simmel erklärte dies aus der Spannung zwischenIndividualität und Soziabilität oder Geselligkeit, die der Mahlzeitinhärent ist:
Von allem nun, was den Menschen gemeinsam ist, ist das Gemeinsamste:daß sie essen und trinken müssen. Und gerade dieses ist eigentümlicher-weise das Egoistischste, am unbedingtesten und unmittelbarsten auf dasIndividuum Beschränkte: was ich denke, kann ich andere wissen lassen;was ich sehe, kann ich sie sehen lassen; was ich rede, können Hundertehören aber was der einzelne iẞt, kann unter keinen Umständen einanderer essen.4
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Simmels verallgemeinernde Darstellung der bürgerlichen Mahlzeitsieht Tischmanieren, Essgerätschaften, Raumdekor und Tischge-spräch als soziale Praxen rund um den physischen Essvorgang, vondessen ,, Widrigkeit, ja Häßlichkeit“ hierdurch abgelenkt werden kön-ne. Diese pejorativ- gefärbten Ansichten zeugen von der kulturellgeförderten Entfremdung des bürgerlichen Menschen im frühen 20.Jahrhundert von der eigenen Körperlichkeit; andere Zeiten brachtenund bringen der physischen Lust des Essens wohl eine andere Ein-schätzung entgegen. Doch darf die Frage gestellt werden, inwiefern
3 Wierlacher, Alois: Vom Essen in der deutschen Literatur. Mahlzeiten in Erzähl-texten von Goethe bis Grass. Stuttgart, 1987, S. 280. Beispiele hierfür finden sichselbstredend nicht nur in der dt. Literatur, die Wierlacher so gründlich auf dieKultur der Mahlzeit durchforstet hat; eine neuere Studie zur Mahlzeit im Werkenglischer Autorinnen findet z.B. folgende Stelle in Edith Wharton's Age ofInnocence: ,, Archer felt like a prisoner in the centre of an armed camp. He lookedabout the table, and guessed at the inexorableness of his captors from the tone inwhich, over the aspargus from Florida, they were dealing with Beaufort and hiswife."( Zitiert in McGee, Diane: Writing the Meal: Dinner in the Fiction of EarlyTwentieth- Century Women Writers. Toronto, 2001, S. 55.)
4 Simmel, Georg: Soziologie der Mahlzeit. In: Der Zeitgeist, Beiblatt zum BerlinerTageblatt Nr. 41 vom 10. Oktober 1910(= Festnummer zum hundertjährigenJubiläum der Berliner Universität), Berlin, S. 1-2, hier S. 1. Interessant undSimmel vermutlich nicht bekannt ist, dass in manchen Kulturen das ,, Vorkauen“dokumentiert worden ist- wo also gerade diese Individualität durchbrochenwird, einerseits um etwa für ein noch zahnloses Kleinkind gewisse Nahrungs-mittel zu zerkleinern, mancherorts aber auch, um die Hierarchie zwischen Mannund Frau durch den Vorkaudienst der Frau quasi verdaubar zu machen. In unserenKulturen findet sich zumindest das Anbieten von Versuchsstücken vom eigenenTeller, gerade im Restaurant aber bisweilen auch zu Hause: auch hier wird dieIndividualschwelle durchbrochen. Vgl. hierzu Bloch, Maurice: Commensalityand Poisoning. In: Social Research 66( 1999), S. 133-149, hier S. 133.5 Simmel: Soziologie der Mahlzeit( wie Anm. 4), S. 2.