2004, Heft 3
Ding und Bedeutung
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am Boden sitzt, fungiert ein Stuhl höchstens als Brennholzlieferant.Der Sinn des Stuhls ist also historisch- kulturell bedingt; dies betriffteinerseits seine Funktionsweise( man sitzt darauf), andererseits auchbesondere Zusatzbedeutungen( Stuhl als Herrschaftszeichen, Heili-ger Stuhl etc.). ,, Sachen haben keine automatischen Eigenqualitäten“,stellt Gottfried Korff fest²¹ ,,, weder von der Form noch vom Materialher"; vielmehr konstituiert sich die Bedeutung der Sache„, vor allemin Handlungssystemen".
Von Friedrich Nietzsche gibt es eine ganze Reihe von Äußerungen,in denen er der Auffassung entgegentritt, dass„ die Dinge eine Be-schaffenheit an sich hätten" 22; vielmehr werde der Ruf, der Name unddie Geltung der Dinge diesen erst übergeworfen wie ein Kleid, dasaber ,, den Dingen allmählich gleichsam an- und einwachse“. DieBedeutung schmiegt sich der Materialität an; die relative Beständig-keit gibt den Dingen, ihrer Funktion und ihrem Sinn den Anscheindes Objektiven. Die Dinge scheinen ein Eigenleben zu führen. IsoldeKurz schildert in ihren Erinnerungen die vielen Gegenstände, die imelterlichen Haus von der Gehilfin in ihrer Kommode zusammenge-tragen worden waren, und sie resümiert:„ Solche aufgespeichertenSchätze nehmen mit der Zeit völlig die Natur ihrer Besitzer an³. Undin Robert Musils Erzählung„ Die Verwirrungen des Zöglings Törless"wird von diesem als ,, rätselhafte Eigenschaft seiner Seele" registriert,,, auch von den leblosen Dingen, den leblosen Gegenständen, mitunterwie von hundert schweigenden, fragenden Augen überfallen zu wer-den. Auch die dunkle Wendung aus Vergils Aeneis: Sunt lacrimaererum( Die Dinge haben ihre Tränen) 25 kann verstanden werden alsErgebnis einer Aufladung der Dinge mit Gefühlen, die dann denDingen selbst eigen zu sein scheinen.
21 Ebd. S. 283.
22 Werke in drei Bänden hg. von Karl Schlechta, 3. Band, S. 555 und 2. Band, S. 78.Nietzsche betont immer wieder, dass ein„ Ding keine Eigenschaften“ habe( 3. Band, S. 502 f.) ,,, dass das, was man als Eigenschaften der Dinge bezeichnete,Empfindungen des empfindenden Objekts seien"( 3. Band, S. 874 f.), dass Ob-jekt ,, ein Modus des Subjekts" ist( 3. Band, S. 535).
23 Kurz, Isolde: Das Leben meines Vaters. Tübingen o.J., S. 171 f.
24 Ges. Werke, Bd. 6, S. 7-140; hier S. 91. Vgl. Kimmich, Dorothee: Kleine Dingein Großaufnahme. Aufmerksamkeit und Dingwahrnehmung bei Robert Musil.In: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft XLIV( 2000), S. 177-194; hierS. 188.
25 Aeneis 1, 462; s. Heinrich G. Reichert: Urban und human. Hamburg 1956, S. 498.