Aufsatz in einer Zeitschrift 
Ding und Bedeutung
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Hermann Bausinger

ÖZV LVIII/ 107

Schule auf, die besagen, dass ursprünglich das ganze Leben, dass alleVerrichtungen des Menschen( also auch ihr Umgang mit den Dingen)religiös- mythisch mitbestimmt und überhöht war, und dass Spurendieser mythischen Zeit bis in die Gegenwart nachwirken. In den marxi-stischen Symbolen Hammer und Sichel ließ sich diese Kontinuität nichtohne Brüche nachweisen; aber wenn die heilige Notburga ihre Sichel indie Luft wirft und diese als Feierabendsignal stehen bleibt, dann scheintdarin die Mondmythologie irgendwie gegenwärtig¹6. Die Vokabel ir-gendwie dürfte in dieser Aussage unentbehrlich sein.

Karl- Sigismund Kramer betont demgegenüber, dass diese mythi-sche Totalität, die lückenlose religiöse Durchdringung einen, archai-schen Zustand" charakterisiert und höchstens für die ganz frühe Zeitdes Menschen anzunehmen ist". Darüber kann man streiten; einigesspricht dafür, dass gerade in den frühesten Phasen menschlicher Ent-wicklung ein recht vordergründiges Verhältnis zu den Gegenständen derRealität gegeben war und die Mythisierung sich erst allmählich heraus-bildete. Für diese Annahme spricht die biogenetische Gesetzlichkeit,nach der jeder Mensch in seiner Entwicklung den Entwicklungsgang derMenschheit wiederholt- und Kindern bleibt zunächst die mythischeÜberhöhung fremd, bei ihnen geht dem Märchenalter" das, Stru-welpeteralter" voraus, in dem ein zwar relativ hilfloser, aber unbe-fangener Umgang mit dem Wirklichen vorherrscht¹8. Aber es handeltsich so oder so um eine Spekulation, in Bezug auf das gestellte Themaverortet auf einem Nebenkriegsschauplatz.

Das Verdienst Kramers liegt darin, dass er das Schmidtsche Modellrelativiert und weiterentwickelt hat. Statt Heiligkeit spricht er vonBedeutsamkeit, Dingbedeutsamkeit, weil das geistig- seelische Wesen16 Vgl. Korff, Gottfried: Notburga, Hl. In: Enzyklopädie des Märchens, 10. Band,Sp. 109-112; Wernhart, Karl R.: Ethnographisches Objekt- Vernetzung-- Ho-lismus. Ein Versuch habitualer Interpretation für die Erforschung der Ver-gangenheit, Gegenwart und Zukunft. In: Grieshofer, Franz, Margot Schindler( Hg.): Netzwerk Volkskunde. Ideen und Wege. Festgabe für Klaus Beitl zum 70.Geburtstag. Wien 1999, S. 309-316; hier S. 314 f.

17 Kramer, Karl- Sigismund: Zum Verhältnis zwischen Mensch und Ding. Problemeder volkskundlichen Terminologie. In: Schweiz. Archiv für Volkskunde 58( 1962), S. 91–101; hier S. 97 f.

18 Vgl. Bühler, Charlotte: Das Märchen und die Phantasie des Kindes. Leipzig 1918.Ihre Theorie ist inzwischen in Bezug auf das Märchen vielfach kritisiert worden( hierzu vgl. Peter Dienstbier in: Enzyklopädie des Märchens, 2. Band, Sp. 1016-1018); doch hat die Abfolge der Entwicklungsetappen nach wie vor eine gewissePlausibilität.