Aufsatz in einer Zeitschrift 
Ding und Bedeutung
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2004, Heft 3

Ding und Bedeutung

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Es ist richtig, dass der Ball, kugelförmig und in der Regel leicht,gewissermaßen von sich aus und automatisch den Gedanken anBewegung und Spiel auslöst. Aber bei genauerem Zusehen zeigt sich,dass an dieser Vorstellung unsere Erfahrungen mitgestrickt habenvon den frühesten Spielen im Kindergarten bis hin zu Erlebnissen mitAustria und Rapid.

Im Augenblick, in dem wir den Ball vor uns haben, erinnern wiruns dessen, was wir über den Ball und mit dem Ball erfahren undgelernt haben; wir rufen, ohne dass wir dies ausdrücklich reflektieren,die kulturelle Kodierung ab. Diese Kodierung ist nicht für alle gleich;die Unterschiede werden vor allem auch über größere kulturelleDistanzen sichtbar. Fußballhistoriker kokettieren manchmal mit derUniversalität des Fußballspiels, wobei sie sich nicht auf die brasilia-nischen Legionäre bei Bayern München beziehen, sondern auf alteBallspiele in exotischen Glossar ::: zum Glossareintrag  exotischen Bewegungskulturen. Da wird etwa daraufhingewiesen, dass bei den Maja in Zentralamerika ein ernstes Spieltradiert wurde, bei dem der Ball mit den Füßen in der Luft gehaltenwerden und nicht die Erde berühren sollte, weil er die Sonne symbo-lisierte. Aber damit ist die Parallelität in Frage gestellt; es handelt sichum eine Bedeutungsdimension des Ballspiels, die dem FC Graz oderInnsbruck völlig abgeht.

Am Rande sei darauf hingewiesen, dass es nicht nur in Klamauk-filmen, sondern auch in der Realität vorkommt, dass irgendwo eineeiserne Kugel liegt, die jemand für einen Ball hält er nimmt ihnvolley und landet bei der Orthopädie, weil er sich einseitig an derGestaltheiligkeit orientiert und die Stoffheiligkeit verkannt hat. Ichnehme die scherzhafte, also inkorrekte Erwähnung dieser Stichwörterals Brücke zu etwas systematischeren Überlegungen, die an die bishererwähnten Beispiele anschließen.

Stoffheiligkeit und Gestaltheiligkeit sind Begriffe, die LeopoldSchmidt eingeführt hat's. Er ging davon aus, dass mit bestimmtenStoffen( zum Beispiel mit Metallen wie dem Blei) und mit derbestimmten Gestalt von Dingen( etwa bei bestimmten Geräten wieder Sichel) religiöse Kodierungen verbunden sind, welche den Din-gen eine geistig- seelische Wesenheit verleihen. Leopold Schmidtbaute mit dieser These auf den Theorien der Wiener Mythologischen

15 Schmidt, Leopold: Heiliges Blei in Amuletten, Votiven und anderen Gegenstän-den des Volksglaubens in Europa und im Orient Glossar ::: zum Glossareintrag  Orient. Wien 1958; ders.: Gestalthei-ligkeit im bäuerlichen Arbeitsmythos. Wien 1952.