Aufsatz in einer Zeitschrift 
Ding und Bedeutung
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Hermann Bausinger

ÖZV LVIII/ 107

werden Gegenstand(...) eines säkularen Glaubens", schreibt ThomasNipperdey 10. Es konnte gezeigt werden, wie die vorher für Religiösesreservierte Gefühlsintensität in die weltliche Sprache vor allem der Lyrikeindringt, wie sie auf weltliche Zusammenhänge übergreift, wie sichLiebe vertieft und um die Freundschaft ein regelrechter Kult entsteht,und es ist diese Intensivierung zwischenmenschlicher Bindungen, diezu einem fast fetischartigen Umgang mit Gegenständen aus dem Nach-lass von Dichtern führt. Und auch die vielen Verehrungsgaben an Dichterübernahmen etwas von der Unbedingtheit, der vorbehaltlosen Ausliefe-rung, mit der Votivgaben an Heilige überbracht wurden.

Ein zweiter Aspekt des Emanzipationsschubs betrifft die allmähli-che Überwindung von verfestigten sozialen Hierarchien und ihrenManifestationen im kulturellen Leben. Huldigungsgedichte, Huldi-gungsgeschenke, Huldigungsfeiern, aber auch die Formen der Ver-ewigung in Denkmälern und Gedenktafeln all das war bis in diezweite Hälfte des 18. Jahrhunderts hinein reserviert für die nicht vomVolk, sondern im Verständnis der Zeit von Gott gewählten Herren, fürdie vornehmsten Stände jedenfalls nur. Die Totenmaske Lessingsmarkiert hier einen Wendepunkt, und am Beispiel der Schillervereh-rung wird deutlich, wie die Einbeziehung der Dichter in den Denk-malskult sich durchsetzt. Als zum 80. Geburtstag Schillers in Stuttgartdas Thorvaldsen- Denkmal errichtet wird, gehen der König und derwürttembergische Adel auf Distanz; 20 Jahre später, zum 100. Ge-burtstag, schenkt die preußische Kronprinzessin Schillers Nachkom-men eine Vase mit dem Portrait des Dichters; und dies wohl nicht nurwegen der Magie der runden Zahl 100, sondern auch im Zeichen derwenigstens partiellen Aufhebung von Standesschranken.

Und noch ein dritter Aspekt der Emanzipation bürgerlicher Ge-dächtniskultur ist anzuführen. Es ist nicht so, dass die bürgerlichenWohnstuben bis zu der angedeuteten Wende nur mit religiösen Bil-dern ausgeschmückt waren. Vor allem für die protestantischen Häusertraf dies viel weniger zu. Und es waren auch nicht nur Skulpturen undGemälde von regierenden Häuptern, die dort ihren Platz hatten; daswar sogar verhältnismäßig selten der Fall. Dem bildnerischen Dich-ter- und Künstlerkult ging eine andere Bewegung voraus: der Versuchder Verlebendigung der Antike. In miniaturisierten Formen wurdendie großen Werke der Antike als Raumschmuck verwendet; sie ver-

10 Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1800-1866. Bürgerwelt und starkerStaat. München 1983, S. 449.