2004, Heft 3
Ding und Bedeutung
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Gegenstand³ schließlich, eine weitere mögliche Variante, ist erstvom 16. Jahrhundert an belegt- zunächst als das, was im feindlichenSinne entgegensteht, also als Opposition, und wiederum dann ver-allgemeinert in dem Sinn, in dem vom Gegenstand einer Abhandlunggesprochen wird. Erst spät bezeichnet das Wort vor allem ein mate-rielles Objekt und ist dann, wie in dem 1897 fertig gestellten Banddes Grimmschen Wörterbuchs vermerkt ist,„, ziemlich mit Sachenzusammenfallend". Man kann aus dem in allen drei Fällen ähnlichenVerlauf der Bedeutungsgeschichte den Verdacht ableiten, dass sichder gegenständlich- konkrete Ding- und Sachbegriff erst entwickeltund entfaltet hat, als sich die Zahl der Dinge, der wahrnehmbaren undverfügbaren Dinge vervielfachte. Natürlich hat es auch vorher Dingein diesem heute üblichen Wortsinn gegeben; aber es hat den Anschein,dass wenig Bedarf an einem übergreifenden Sammelnamen bestand,dass die Dinge vielmehr konkreter nach dem jeweiligen Gebrauchoder Funktionsfeld benannt wurden.
Bestätigt wird dies durch ein weiteres Synonym, das Wort Zeug, daszwar in sehr verschiedenartigen Bereichen auftaucht, aber fast immer( meist mit vorangestelltem Bestimmungswort) nur jeweils einen Be-reich bezeichnet: Rüstzeug( noch erhalten in der Bezeichnung Zeug-haus), Stoffzeug, Wollzeug, überhaupt Rohmaterien aller Art. Im Grimm-schen Wörterbuch ist zwar als allgemeine Bedeutung vermerkt:„„, Sam-melwort für sächliche concreta"; aber der betreffende Band4 wurde erst1956 publiziert, als sich diese allgemeinere Bedeutung durchgesetzthatte, allerdings ganz überwiegend mit pejorativem Unterton.
Das positive Sammelwort ist Dinge, Sachen- aber erst im jüngerenGebrauch. Die Annahme, dass dies mit der wachsenden Zahl undVielfalt von Dingen zusammenhängt, wird quasi statistisch gestütztdurch Zählungen, wie sie beispielsweise Tamás Hofer vorgenommenhat: er registrierte zusammen mit Edit Fél bei ungarischen Dorfun-tersuchungen in bäuerlichen Haushaltungen( also in einem ganzenHof) wenige hundert Gegenstände, während heute in jeder kleinenStudentenbude um die tausend Gegenstände gezählt werden können,selbst wenn man die Büroklammern nicht einzeln rechnet. Utz Jegglehat die rasante Entwicklung einmal so charakterisiert:„ Die Navaho-
3 Deutsches Wörterbuch( wie Anm. 1), Bd. 5, Sp. 2263–2268.
4 Deutsches Wörterbuch( wie Anm. 1), Bd. 31, Sp. 825–838.
5 Hofer, Tamás: Gegenstände im dörflichen und städtischen Milieu. In: Wiegel-mann, Günter( Hg.): Gemeinde im Wandel. Münster 1979, S. 113-135.