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Literatur der Volkskunde
ÖZV LVIII/ 107
kunftsmusik. Es wird über Differenz und Distanz reflektiert( in Überschrei-tung der Relativierungen der New Anthropology), über das Ost/ West- Sche-ma in den europäischen Großraumvergleichen, aus dem der mediterraneBereich fällt, die wirtschaftliche Peripherisierung seit 500 Jahren, die dasFremd- und Selbstbild des Balkans bestimmt, die Ungleichzeitigkeit derEntwicklung in Stadt und Land sowie die Diskontinuität sozialer Eliten.Abschließend wird auch die Themenauswahl dieser Einführung gerechtfer-tigt: nicht für alle Fragestellungen liegen auch wirklich zuverlässige For-schungsergebnisse vor.
Mit dem Einleitungskapitel ist auch der etwas ,, leichtere", aber intellek-tuell durchaus anspruchvolle Erzählstil des Handbuches festgelegt, mitwenigen Nachweisen und Fußnoten sowie einer weiterführenden Biblio-graphie am Ende des Beitrags, auf die im Text manchmal verwiesen wird.Vor die insgesamt fünf thematischen Einheiten, in die die Einzelkapiteleingeordnet sind, schiebt Kaser noch ein eigenes Kapitel ein:„ Umgang mitden Anderen“( S. 40-60), wo am Beispiel der traditionellen Gastfreund-schaft( als Neutralisierungsstrategie des an sich gefährlichen Fremden) die,, emotionale Reziprozität“ als Handlungsregulativ erläutert wird, der Be-griff der Freundschaft, der Fremde als Opfer und Feind, für den gruppenim-manente Moralregeln keine Gültigkeit besitzen, die Strategien des„, Lebenund leben lassen" in der Interkulturalität von Christen und Muslimen wieauch der christlichen Konfessionen untereinander, die weder zu andauern-den Konflikten noch zu idyllischen Symbiosen führen müssen. Hiezu könnteman noch viele Beispiele anfügen, wie überhaupt die Lektüre des Buchesdazu anregt, Paradigmen des eigenen Erfahrungshorizonts in die Leitlinienund Denkwege der Darstellung einzufügen und die Beispielfolge weiter zuergänzen, Postulate in Frage zu stellen, zu differenzieren, auszudiskutieren, zumodifizieren. Diese anregende Offenheit der Darstellung, die weitreichendeErklärungsmodelle auf profunde Sachkenntnis stützt, ohne ihren vorläufigenHypothesencharakter zu leugnen, zählt zweifellos zu den sympathischen Seitendieser Einführung, denn generelle Gewissheiten zählen in der Balkanologie zuden Ausnahmen, sowohl was die Komplexität der Phänomene als auch was denForschungsstand betrifft. Ein ,, ich weiß nicht" und ,, ich bin nicht sicher" ist hierkeine Schwäche der Forschung, sondern ihre Redlichkeit.
Die erste der thematischen Einheiten betrifft„, Wanderungen und Anpas-sungsstrategien“ und umfasst drei Studien:„ Zuwanderung, Ansiedlung undIntegration in früher Zeit: drei europäische Zivilisationen( 500-1500)“( S. 63 ff.) von Kaser selbst, wo der Balkan als pull- factor hingestellt wird( Slawenwanderung, romanische Zuwanderungen,„ Ostkolonisation“), wassich erst im Osmanischen Reich ins Gegenteil verkehrte( push- factor),,, Migrationen“( S. 83 ff.) von Katsiardi- Hering, wo zwischen ethnischen