Aufsatz in einer Zeitschrift 
Gipfelstürmer : zum Verhältnis von Betreibern und Helfern der frühen Alpeneroberung im Gefüge des seelischen Haushalts der modernen Kultur
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2004, Heft 2

Gipfelstürmer

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heitersten, brennendsten Sonne, über dem anderthalb Ellen hohenSchnee, und sah die Gegend von Teutschland unter mir alles vonWolken bedeckt(...)." 4 Hat Schiller Goethes Gipfelerfahrung poe-tisch überhöht? Erwartungsgemäß fungierte auch hier ein Förster alsFührer. Vergeblich versuchte dieser, Goethe von dem unter den win-terlichen Witterungsverhältnissen riskanten Unternehmen abzuhal-ten.65 Das Beispiel repräsentiert eine paradigmatische Konfiguration:Der bürgerliche Protagonist versucht, mit Hilfe eines Eingeweihtenseinen Spielraum auf ihm bis dahin unzugängliche Bereiche auszu-dehnen. Für das rühmend hervorgehobene Wagnis dieser Aneignungist indes nicht jedes bürgerliche Individuum geeignet. In spätenJahren wird Goethe bei einem Gespräch über seine Schweizer Ge-birgserlebnisse Johann Peter Eckermann gegenüber bemerken, es seiin Ordnung, dass diesem als in der Ebene Geborenem das Gebirgeunheimlich sei: ,, Denn im Grunde ist dem Menschen nur der Zustandgemäß, worin und wofür er geboren wurde. Wen nicht große Zweckein die Fremde treiben, der bleibt weit glücklicher zu Hause." 66 Goe-thes Beispiel erhellt ein signifikantes Paradoxon der modernen bür-gerlichen Konzeption zwischen universeller und elitärer Konstituti-on, das unschwer zu dem Unternehmen, Unterwerfung der Berge' inBezug zu setzen ist: Die Vollendung der auf allgemeine Geltunggerichteten Anliegen der modernen Kultur ist dem Anspruch nachdem jeweils- Einzelnen vorbehalten.

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Die Konzeption des Gämsjägers als projektives Ideal eröffnet eineeigentümliche Assoziation des als modern sich verstehenden Bürgersmit der archaisch konnotierten Figur. Die mit der technischen Kom-petenz und dem potenziellen Vollzug der von den Bergreisendenangestrebten Leistung begabten Gämsjäger bilden gleichsam denRohstoff für das Paradigma der bürgerlichen Absichten auf die Berge:

64 Goethe, Johann Wolfgang: Das erste Weimarer Jahrzehnt. Briefe, Tagebücherund Gespräche vom 7. November 1775 bis 2. September 1786. Hg. v. Reinhardt,Hartmut(= Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche. Vierzig Bände.II. Abteilung: Briefe, Tagebücher und Gespräche. Hg. v. Eibl, Karl, et al. Bd. 2( 29). Frankfurt am Main 1997, Nr. 134( Brief an J. H. Merck v. 5.8.1778),S. 138-140, hier S. 139. Hervorhebung im Original.

65 Vgl. ebd., Nr. 120( Brief an Ch. v. Stein v. 10./11.12.1777), S. 119 f., hier S. 119.66 Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seinesLebens. Hg. v. Schlaffer, Heinz(= Sämtliche Werke nach Epochen seinesSchaffens. Münchner Ausgabe, hg. v. Richter, Karl, et al. Bd. 19). München,Wien 1986, S. 77 f.