Aufsatz in einer Zeitschrift 
Gipfelstürmer : zum Verhältnis von Betreibern und Helfern der frühen Alpeneroberung im Gefüge des seelischen Haushalts der modernen Kultur
Einzelbild herunterladen
 
  

108

Bernd Stübing

ÖZV LVIII/ 107

Bergführern vor und hinter ihm wie ein Geländer gehaltenen Berg-stock fest, an steilen Hängen boten ihm manchmal nur die Beineseiner Führer den nötigen Halt, und offenbar musste er bei Gelegen-heit auch abgeseilt werden. Die einseitige Form der Seilsicherungstellte ein probates und häufiges Verfahren dar; andere Gipfelstürmererwähnen es in ihren Berichten und geben auch über ihre Empfin-dungen Auskunft. Ein entsprechendes Bild des Rollentauschs ver-mitteln die Assoziationen, die Sigismund von Hohenwart, Generalvi-kar des Fürstbischofs von Gurk und Organisator der Erstbesteigungs-expeditionen des Großglockners, äußert, als er von den Helfern amSeil auf den Gipfel gezogen wird: ,, Die guten Leute(...) priesen meineHerzhaftigkeit und Unerschrockenheit, während ich mir selbst beken-nen mußte, daß diese heroischen Tugenden eben nicht zu lebendig inmir waren, als man mich in die fatale Schlucht, wie einen Sack, amSeile hinab ließ, und eben so auf der andern Seite wieder hinaufzog..* 44 Als passive Last, als Objekt also erlebt sich Hohenwart, undähnlich empfindet wohl Dionys Stur, als er 1853 bei einer wissen-schaftlichen Glocknerbesteigung an derselben Stelle in der gleichenSituation über die Quelle der Übung seiner Helfer in dieser Techniknachsinnt: ,, Das Herabführen des Heu's ist die Schule, aus der dieGlockner- Führer gewandt und unerschrocken hervorgehen. Sie be-handeln den fremden Glockner- Besteiger als ein Heubündel(...). 6645Passagen dieser Art belegen eindrucksvoll, dass die Betreiber derGipfelerschließung nicht permanent im Besitz der Kontrolle ihrerProjekte sind. Das unfreie Angeleint- Sein mahnt an die Metaphervom, Gängelband', jener Kontrollvorrichtung und Gehhilfe kleinerKinder, die gern als zeittypisches Symbol politischer Unfreiheit undder Unmündigkeit der Vernunft gebraucht wurde.46 So fanden sichBetreiber unversehens als Betriebene.

43 Vgl. ebd., T. IV, p. 415, 416; TVII., p. 269 f.

44 Hohenwart, Sigmund v.: Tagebuch der dritten Reise auf den Glockner, im Jahre1802. Von ebendemselben. In: Schultes, Josef August: Reise auf den Glockner.II. Theil, Wien 1804, S. 259-285, hier S. 275.

45 Stur, Dionys: Der Gross- Glockner und die Besteigung desselben. In: Jahrbuchder kaiserlich- königlichen Geologischen Reichsanstalt, VI. Jahrgang Wien 1855,S. 814-837, hier S. 825.

46 Zum Beispiel Schillers ,, Leitband des Instinkts", vgl. Schiller, Friedrich: Etwasüber die erste Menschengesellschaft nach dem Leitfaden der mosaischen Urkun-de( 1790). In: Ders.: Sämtliche Werke Bd. 4: Historische Schriften. München1959, S. 767-783, hier S. 767.