Aufsatz in einer Zeitschrift 
Gipfelstürmer : zum Verhältnis von Betreibern und Helfern der frühen Alpeneroberung im Gefüge des seelischen Haushalts der modernen Kultur
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2004, Heft 2

Gipfelstürmer

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Sicherheit der Gämsen bringen können, so sind es diese." 39 Seineneigenen Versuch, den Gipfel des Glockners zu erreichen, gibt Orraschdann kurz vor dem Ziel auf weil er den Helfern nicht trauen zukönnen glaubt, nachdem er sich zuvor nicht ihrer Obhut hatte anver-trauen und unterordnen wollen. 40 Was sich in der Titulierung mit demNamen des bezwungenen Berges als Ehrung gebärdet, mag freilich,intendiert oder nicht, einen gegenläufigen Effekt bewirken: Die Iden-tifikation der Überwinder mit dem Überwundenen stellt beide aufeine Stufe. Diesem Resultat lässt sich unschwer jenes emanzipatori-sche Grundanliegen assoziieren, das in der Überwindung einer alsrückständig gedachten Kulturstufe im Zeichen der Vernunft bestand,als deren Kennzeichen neben einer durch die natürlichen Gegeben-heiten bedingten Notwendigkeit auch die Herrschaft der innerenTriebnatur galt.

Was die Konstitution der Bergreisenden betraf, so mussten siezunächst nicht nur Ängste überwinden, sondern sich an die natürli-chen Bedingungen des Hochgebirges gewöhnen. In seiner körperli-chen Reaktion auf die Hochgebirgsbedingungen unterschied sichSaussure nicht von anderen gebildeten Alpenreisenden. Die Höhen-luft machte ihm zu schaffen, und er litt unter Höhenangstsymptomenwie Schwindel. Anders als manche Gelegenheitsbesucher der Alpenüberwand er jedoch seine Hemmungen, indem er sich gegen seineÄngste konditionierte, wie man heute sagen würde; während seinerWanderungen und Bergtouren setzte er sich, ähnlich wie Goethe, derberichtet, er habe zu diesem Zweck regelmäßig das StraßburgerMünster bestiegen", bewusst dem Anblick furchteinflößender Ab-gründe aus und suchte auf diese Weise seine Angst zu überwinden42.Dennoch vermochte er sich nicht frei auf Gletscher und Firn zubewegen, sondern war in hohem Grade auf seine Führer angewiesen,die ihm und seinen Begleitern über schwierige Stellen hinweghelfenmussten. Einige dieser Hilfestellungen beschreibt er in seinen Berich-ten: Beim Passieren von Abgründen hielt er sich an einem von zwei

39 Ebd., S. 321.

40 Vgl. ebd., S. 169, 171 f.; Originalbericht S. 326–328.

41 Vgl. Goethe, Johann Wolfgang: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit( 1811, 1812, 1814, 1833). Hg. v. Sprengel, Peter(= Sämtliche Werke nachEpochen seines Schaffens. Hg. v. Richter, Karl, Bd. 16). München, Wien 1985,S. 404.

42 Vgl. Saussure: Voyages( wie Anm. 15), T. VII, p. 269.