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Bernd Stübing
ÖZV LVIII/ 107
den, als Oberfläche mit Tiefenstruktur zu untersuchen; ihre Aufgabebesteht darin, die Spuren dieses Vorgangs im Hinblick auf die Ambi-valenz seiner Bedingungen zu lesen. Das Interesse an den Alpen alsKulturprodukt wäre um die Empirie der mentalen Bedingungen desProduktionsprozesses zu ergänzen. Zu untersuchen wären dann dieVerflechtungen, ja Interdependenzen der rhetorischen Praxis ästheti-scher Anschauung auf der einen und kultureller Praxis auf der anderenSeite. Zu stellen ist die Frage nach den Bedeutungen„, konventiona-lisierter und öffentlich einstudierter Deutungsmuster der Alpen",, hinter der Vielfalt individueller Bilder". Eine historische Arbeit alsohat die Untersuchung ihrer Textzeugnisse nicht bloß auf rhetorischeAbhängigkeiten und Präparierungen innerhalb einer hermetisch- ima-ginären Diskursdimension zu beschränken, sie wäre vielmehr gehal-ten, die Analyse der Textgebärde auf die Analyse der beschriebenenHandlungen und Objektivationen auszuweiten. Gemeint ist ein Inter-esse an den Niederschlägen des Materiellen und Leiblichen, dasvielleicht den Gesichtswinkel zu erweitern erlaubt, den Sprache alskardinales Bezugssystem von Kultur mitunter eng, womöglich allzueng abschließt. Konkret heißt das im Sinne einer als Symptom-atologie verstandenen Kulturtheorie, Texte, Dinge und Handlungen,letztere insbesondere als fixierte Abläufe, als kulturelle Gebilde undGebärden, als objektivierten Abdruck von Kultur wahrzunehmen undihren Gehalt herauszupräparieren. Alpinismus als kulturelle Gebärdezu verstehen bedeutet, Praxis, Objekte und deren Dokumente alsErgebnisse vielschichtiger Tendenzen zu erkennen, in der publizier-ten Rede die Spuren des Unausgesprochenen, der verborgenen Moti-ve und Affekte zu suchen, oder, wie es Martin Scharfe in Anlehnungan Friedrich Nietzsche formuliert hat:„, das Geschriebene als Symp-tom des Verschwiegenen" zu verstehen.'
Die Unterwerfung der Berge im Zeichen der Wissenschaft alsProzess wechselseitiger Kulturation von Bergreisenden und Alpen-bevölkerung muss nicht eigens betont werden. Ein etwas schwierige-5 Die methodischen Überlegungen beziehen sich auf kulturwissenschaftliche An-sätze, wie Martin Scharfe sie in seinem Aufsatz„ Utopie und Physik. ZumLebensstil der Moderne." In: Der industrialisierte Mensch. Hg. v. Dauskardt,Michael, et al. Vorträge des 28. Deutschen Volkskunde- Kongresses in Hagen vom7. bis 11. Oktober 1991. Hagen 1993, S. 73-90, formuliert hat: vgl. S. 75.6 Ebd.
7 Scharfe, Martin: Menschenwerk. Erkundungen über Kultur. Köln, Weimar, Wien2002, S. 112 f.