Aufsatz in einer Zeitschrift 
Gipfelstürmer : zum Verhältnis von Betreibern und Helfern der frühen Alpeneroberung im Gefüge des seelischen Haushalts der modernen Kultur
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2004, Heft 2

Gipfelstürmer

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schließung der Alpen' klingt denn auch zu technisch- harmlos; alshabe man einen Plan gefasst und sei dann wie am Schnürchen zuseiner Umsetzung geschritten. Gravierender und angemessener wärevon einer Unterwerfung der Berge zu sprechen, denn es ging umnichts Geringeres als die Verwirklichung eines zentralen Abschnittsdes Projekts zur Aneignung der Welt. Dieses Vorhaben lässt sich ineinen universelleren Horizont rücken: Gemeint ist jenes Bestrebender Moderne, die Autonomie des Menschen auf dem Weg seinerSelbstermächtigung gegenüber der religiösen Weltordnung und sei-ner Moral sowie den Bedingungen der Umwelt und des eigenen Seinszu erlangen. Angesichts solcher Größenordnung bleibt die Verwegen-heit der frühen Bergreisenden erstaunlich, aber das Wagnis gewinntdurch die kulturhistorische Verortung seines Antriebs mehr Tiefen-schärfe. Die neue kulturelle Praxis mit Namen Bergsteigen stelltkein Sonderphänomen, keine Nebensache der Kultur dar, sondernerschließt im Gegenteil zentrale Aspekte der modernen Kulturent-wicklung. Die dabei gewonnenen leiblichen Erfahrungen geben Aus-kunft über diesen Prozess, der das Verhältnis der menschlichen Kulturzur Natur, aber auch des Menschen zu sich selbst, modifiziert. Diemetaphorische Wendung vom, seelischen Haushalt der Kultur zieltauf das Problem der psychischen Balance, das durch die Verarbeitungund Umsetzung der neuen Erfahrungen entsteht.³ Die Vorstellung,dass Kultur so etwas wie einen mentalen Betrieb aufweisen könnte,geht auf den Gedanken Freuds zurück, wonach der kulturelle Prozessder Menschheit und der Entwicklungsprozess des einzelnen Men-schen ,, sehr ähnlicher Natur,, wenn nicht überhaupt derselbe Vor-gang an andersartigen Objekten" seien.4

In diesem Horizont bedeutet kritische Arbeit an der Geschichte derAlpeneroberung, diese als Erscheinung mit Gründen und Hintergrün-

3 Die Wendung ,, seelischer Haushalt" ist der Begriffsprägung von Norbert Eliasverpflichtet, der in seinem Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation im Zusam-menhang mit der Herausbildung des gesellschaftlichen Zwanges zum Selbst-zwang in Anlehnung an die Erkenntnisse der Psychoanalyse von Affekt-",,, Trieb- und, Seelenhaushalt" spricht. Vgl. Elias, Norbert: Über den Prozeß derZivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. 2. Bd.:Wandlungen der Gesellschaft. Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation. 2. Aufl.Bern/ München 1969, S. 321-331, S. 444-447.

4 Freud, Sigmund: Das Unbehagen in der Kultur.( 1930). In: Ders.: Das Unbehagenin der Kultur und andere kulturtheoretische Schriften. Einleitung von Lorenzer,Alfred, et al. Frankfurt am Main 1996, S. 29-108, hier S. 102.