Jahrgang 
107 (2004) / N.S. 58
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2004, Heft 1

Literatur der Volkskunde

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Lanzinger ihr Interesse am Wandel der historisch, sozial, kulturell, diskursivund im alltäglichen Handeln hergestellten Kategorie Geschlecht". Diestrifft sich mit ihrem Anliegen, Menschen nicht als Determinierte, sondernals Agierende und Reagierende im historisch und kontextual zu positionie-renden Konzept der strukturierten Handlungsrepertoires und Handlungs-optionen( Gadu Algazi) zu fassen. Ein solch offenes Konzept kann dennauch nicht von einem einlinigen gesellschaftlichen Fortschritt ausgehen,sondern muss- gerade auch im Blick auf die Geschichte der Geschlechterein Nebeneinander von Wandel und Kontinuitäten annehmen- eine These,die sie an ein Fach rückbindet, das eine solche Perspektive schon seit langemvertritt: die Europäische Ethnologie oder Volkskunde. So ist ihre Ausgangs-these einerseits, dass die Veränderungen im Zuge der Modernisierung fürMänner und Frauen unterschiedliche Konsequenzen hatten, wobei Ge-schlechternormen eher konsistenter wurden, andererseits, dass die bis weit ins19. Jahrhundert hinein fortgeschriebenen ständischen Strukturen, insbesondereder von vielen Männern und Frauen mitgetragene Verzicht auf Lebensperspek-tiven wie Ehe und Familie, einen hohen sozialen Preis hatten( S. 14f.).

Ihre Rekonstruktion von lokalen und familialen Kontexten der Heirat indem südtirolischen Dorf Innichen im 18. und 19. Jahrhundert unternimmtsie mit Modellen und Konzepten der Mikrogeschichte. In der Rekonstruk-tion von Kontexten sieht Lanzinger die Möglichkeit, vielfach kohärentgedachte Kategorien und Modelle, wie etwa ,, Schicht", zu überprüfen unddas Augenmerk auf soziale Netze, Spannungsfelder und Gefälle, auf Eigen-logiken und Wirkungszusammenhänge zu richten. Heirat betrachtet sieüber die klassische Familiengeschichtsforschung hinausgehend als ,, Schlüs-selmoment", als ein punktuelles Ereignis, an dem viele Fäden zusammen-laufen und sich verdichten. Lokale Ordnung konstituiert sich für sie dem-nach über das divergierende Zusammenspiel von Elementen wie Bürger-recht, Zunftwesen, kommunalem Ressourcenmanagement, Wirtschaftsstruktur,Hausbau-, Zuzugs- und Ehekonsenspolitik, Erbpraxis oder Emigration. Sieschaffen Konzepte der eigenen Lebenswelt wie Rechtskulturen, die auch durchInkohärenzen Handlungsspielräume bereitstellen können. Zentrales Binde-glied- auch von Veränderungsprozessen- sieht Lanzinger im, Haus, das siein ,, seiner lokalpolitischen Bedeutung, in seinen Außenbeziehungen einerseitssowie in seinen Bedeutungen als ökonomische Grundlage, Erbe, Immobilie,Wohn- und Lebensbereich andererseits( S. 21) betrachten möchte.

Damit erschließt sich der Titel der Arbeit- Das gesicherte Erbe. Erbezieht sich ,, auf Erben im engeren Sinn, auf den Transfer von Häusern undHöfen zwischen den Generationen, auf die Erbpraxis als Handeln und alsOrientierung für konkretes Handeln von Männern und Frauen, dann auchauf die Weitergabe von größeren und kleinen Dingen" und Geld als