2004, Heft 1
Grigorij Kupczanko( 1849-1902)
23
den angestrengt wurden. Zuletzt zeigt auch die traurige Geschichteseines Sohnes, er starb- da seine Behandlung nicht bezahlt werdenkonnte- 1904 an Tuberkulose, dass die finanzielle Unterstützung vonSeiten russophiler Kreise nicht Kupczankos Motivation erklärt, son-dern nur die Möglichkeit, seine sozialpolitischen Überzeugungen indie Tat umzusetzen.37
Dokumentiert sind jedenfalls zahlreiche Reisen Kupczankos nachRussland. Während einer dieser Fahrten leitete ein Gericht Erhe-bungen wegen des Verdachts auf„ Aufhetzung des Volkes in derBukowina und Galizien“ gegen ihn ein. Am 7. Dezember 1892 wurdevom Czernowitzer Richter Wladyslav Jasenyzjkyj die Durchsuchungvon Kupczankos Wiener Wohnung in der Adamsstraße 32, welchegleichzeitig als Redaktionsadresse der ,, Russka Prawda“ fungierte,angeordnet.38 Die Korrespondenzen und aufgefundenen Exemplareseiner Schriften wurden konfisziert und ein strafrechtlicher Prozesseingeleitet. Um dem Gefängnis zu entgehen, entschloss sich Kup-czanko dazu, bis zum Ende des Prozesses am 8. April 1893 in St.Petersburg zu bleiben. In den Zeitungsberichten jener Zeit war dieMeinung vorherrschend, dass Kupczanko absichtlich nach Russlandgeflohen sei, um der absehbaren Verhaftung zu entgehen. Nach derEinstellung des Verfahrens kehrte er rasch nach Wien zurück undreagierte auf diese Vorwürfe in der Zeitschrift ,, Proswjeschtschenije“mit der Veröffentlichung seines Passes samt datierten Ausreisestem-peln[ 10, S. 9], um zu belegen, dass er sich schon lange vor den gegenihn erhobenen Anschuldigungen auf die Reise begeben hatte. Erkritisierte den Prozess scharf, beklagte gefälschte Briefe, falscheAussagen und Lügen und versuchte den Vorwurf zu entkräften, rus-sische Einwohner der Bukowina und Galiziens zur Auswanderungnach Russland aufgefordert zu haben[ 11, S. 11–12].
Viele der gegen Kupczanko erhobenen Anschuldigungen warenjedoch nicht unbegründet. Im Zentralarchiv der russischen Föderati-on, insbesondere in den Abteilungen der Polizei, bezeugen mehrereAkten und Unterlagen, dass Russland die Tätigkeit Kupczankos auf-merksam und wohlwollend verfolgte und zu Zeiten versuchte, ihn füranti- österreichisch- ungarische Ziele zu benutzen. Die plötzliche Ein-
37 Для бедного ученика Владимира Купчанка( dt.: Für den armen SchülerVladimir Kupczanko). In: ППравосллавна буковина, 1.( 14.) März 1904, Nr. 7,S. 2; 21. März( 3. April) 1904, S. 3; 1.( 14. Mai) 1904, Nr. 12-13, S. 6.38 Lehmann's Adressbuch. Einwohnerverzeichnis. Wien: Jarnik 1892, S. 728.