Aufsatz in einer Zeitschrift 
Grigorij Kupczanko (1849-1902) : Volkskunde und Journalismus zwischen Wien und der Bukowina
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Viktoriya Hryaban

ÖZV LVIII/ 107

zu den Anliegen der bäuerlichen Bevölkerung der Provinzen in derösterreichisch- ungarischen Monarchie, an welche sich seine Publika-tionen in erster Linie richteten, zu unterstreichen.

Den ersten Anstoß, sich dem Lesen und Lernen zu widmen, erhieltKupczanko durch den ortsansässigen Landpfarrer Kostjantyn Kozakim Jahre 1854. Kupczanko beschreibt dies mit folgenden Worten:,, Einmal schenkte er mir in unserer Kirche zusammen mit einemBrötchen ein kleines Büchlein mit Heiligenbildern und sagte zu mir:Nimm es, Kleiner! Nimm dieses Büchlein und erlerne das Lesen. Undwenn du das schaffst, dann darfst du das Brötchen essen[ 33, S. 2].Nachdem er die ersten drei Klassen der Volksschule in Beregometabsolviert hatte, wechselte er zu Beginn der vierten Klasse nachCzernowitz. Am Czernowitzer deutschen Gymnasium absolvierte erin der Folge die weiteren acht Klassen bis zum erfolgreichen Schul-abschluss. In Erinnerungen an seine Schulzeit schreibt Kupczanko:,, Wie sehe ich jetzt meine alte Mutter vor mir, die für mich jeden Tagzu Fuß die drei Kilometer vom Dorf in die Stadt Mehl, Brot, Bohnenund andere Nahrung trug. Wie sie im Winter barfuss vor mir standund mit Tränen in den Augen zu mir sagte: Lerne, Söhnchen, dass dunicht so arm wirst wie wir[ 18, S. 14]. An die traurigen Tage derMissernte in der Bukowina im Jahre 1865 erinnert er sich mit denWorten: ,,(...) der Vater( brachte) trockene Maisköpfe zu mahlen unddie Mutter mischte das Maismehl mit Gerstenmehl, um Brot zubacken, welches Lehm oder Stein ähnlich war(...). Die Eltern undmein älterer Bruder hatten Fieber. Ihre Gesichter waren eingefallenund schwarz, ihre Augen waren blutig. Als wenn in unserem Hausvier Tote lägen und wir Lebendige dem hungrigen Tod in die Augensahen, auf den wir selbst warteten"[ 2, S. 5].

Grigorij bekam eine gute Ausbildung. Rückblickend auf seineSchul- und Jugendzeit stellt er die rhetorische Frage: ,, Wie konntenes sich die armen Leute vom Land zu jener Zeit leisten, ohne jedeUnterstützung durch den Staat ihr Kind auf das Gymnasium zuschicken?". Nun, eine Familie, deren Mitglieder im Winter angeblichkeine Schuhe zur Verfügung hatten, hätte sich eine solche Ausbildungfür ihre Kinder sicher nicht leisten können. Doch auch wenn Kup-czankos stilisierte Beschreibungen seiner Jugend- und Schulzeit mitden konkreten wirtschaftlichen Verhältnissen seiner Familie in Wi-

6 Der Weg zwischen Beregomet und Czernowitz beträgt in Wahrheit 25 Kilometer.