Jahrgang 
104 (2001) / N.S. 55
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Literatur der Volkskunde

ÖZV LV/ 104

liche absolut zu setzen. So lässt Mattl seine Geschichte der Stadt mit derEntwicklung des Fremdenverkehrs in Wien beginnen, mit jenem Teil derGeschichte, der für die ,, mentale Konzeptualisierung der Stadt( S. 9) wieauch für die Einübung urbaner Verhaltensweisen so zentral ist, in der Regeljedoch allenfalls gegen Ende historischer Abrisse halbherzig angeschnittenwird. In diesem wie in allen folgenden Kapiteln geht es Mattl um diehistorische und soziale Logik einer Wien- Spezifik, die von Öhlinger mehrbehauptet denn nachgezeichnet und analysiert wird. Zumal im Vergleich mitdessen Band erweist sich der Vorteil einer konsequenten Reduktion aufeinige wenige ausgewählte Aspekte der Stadtgeschichte.

Im Grunde sind es zwei Perspektiven und Thesen entlang derer Mattl denLeser durch das ,, Wien im 20. Jahrhundert", genauer: durch die Stadtpolitikdieses Jahrhunderts führt. Seine Darstellung kreist um die Themen Populis-mus und Raumplanung als zentralen Instrumenten hiesiger Stadtpolitik, diejeweils für sich genommen, besonders aber in ihrem Zusammenwirkenfolgenreiche Rahmungen des Alltagslebens in der Stadt ergaben und erge-ben. In vielfältigen Hintergrundgeschichten and Herleitungen macht derAutor plausibel, wie sich in Wien ein weithin zu beobachtender und kritisierterVerhaltensstil durchsetzen konnte, der sich in unterschiedlichsten Lebensberei-chen vielfach darauf beschränkt, Veranwortlichkeit an, die Stadt zu delegierenund Veränderungen nicht nur zu erwarten, sondern auch einzufordern, stattInteressen und Probleme aktiv selbst in die Hand zu nehmen.

Es ist die ,, fordistische Ära der Stadt( S. 48), auf die sich Mattl mitseinen Ausführungen konzentriert; das meint eine Ära der ,, Totalversorgungder Stadt mit Infrastruktur zum Einheitstarif, Planung nach stabilen Wachs-tumserwartungen und orientiert an einer Norm- Familienstruktur, Annahmeeiner gleichförmigen Nachfrage nach Gütern der Massenproduktion"( S. 48). In mehreren Stationen, überschrieben etwa ,, Die Erfindung desPopulismus mit einem Themenschwerpunkt ,, Rapid- Ein Wiener Mythos"[ erstes Drittel 20. Jahrhundert] oder, Die regulierte Stadt und der Neo- Po-pulismus mit ,, Flaktürme- Die Camouflage des Hochhauses"[ zwischen1945 und 1970er Jahre] erzählt der Autor die Geschichte eines Abhän-gigkeitsverhältnisses, der Abhängigkeit der Bewohner der Stadt von denpolitischen Klassen, von Stadtregierungen und Parteien. Er beschreibt, wienicht bloß die christlich- soziale Kommunalpolitik eines Karl Lueger, son-dern auch die Fürsorgepolitik sozialdemokratischer Stadtväter nach 1918und die Technokratien der Magistrate des Wiederaufbaus sehr erfolgreichdarin waren, marktwirtschaftliche Strukturen zu eliminieren und ein kom-munales Monopol über wesentliche Bereiche der städtischen Infrastruktur( wie etwa Energie- und Wasserversorgung, Verkehrsbetriebe und Wohnbau,Kultur- und Bildungspolitik) aufzubauen.