Aufsatz in einer Zeitschrift 
Volkskundliche Fotografie 1914 bis 1945
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Ulrich Hägele

ÖZV LV/ 104

Zumindest während der Weimarer Republik finden sich in einigeneuropäischen Großstädten dokumentarische Fotoprojekte, die denAnspruch der FSA vorweg nahmen, und die ebenfalls in öffentlichemAuftrag, jedoch in erheblich geringerem Umfang durchgeführt wor-den sind. So hatte die kommunale Verwaltung in Berlin mehrereEnquêten ins Leben gerufen, mit dem Ziel, bei der Wohnungsnot inder Reichshauptstadt Abhilfe zu schaffen.45 Hiervon gelangte zuZeiten der DDR ein beeindruckendes Konvolut von circa fünfzigFotografien eines unbekannten Autors aus dem Archiv des Kranken-hauses Prenzlauer Berg in die Sammlung des Museums für Volkskun-de.46 Die Fotografien sind wohl bereits in den 20er Jahren zur Doku-mentation der Fortschritte bei der Einrichtung von öffentlichen Not-unterkünften entstanden. Während des NS wurden die Fotografiendann in ein großformatiges Album geklebt und mit der Aufschriftversehen: ,, Die nachfolgenden Bilder zeigen das Obdach von 1886-1933", womit wiederum die Sozialpolitik der Weimarer Republikdenunziert werden sollte. Die Bilderfolge trägt stark reportagehafteZüge. Wiedergegeben sind die Bewohnerinnen und Bewohner desstädtischen Obdachlosenasyls ,, Palme in der Fröbelstraße inmitten

und Österreich zugänglich, denn die amerikanischen Illustrierten waren bis zumKriegseintritt der USA, 1941, für Abonnenten und an großen Kiosken erhältlich.Die nationalen volkskundlichen Vereine in Berlin, Wien und Basel zähltenfreilich nicht zum Abonnentenkreis. Im Rahmen der Internationalen Volkskunst-kommission sind sowohl in Berlin als auch in Wien vereinzelte Schriftwechselmit amerikanischen Kollegen überliefert, welche die Arbeit der FSA aber nichtberührten.

45 Eine Wohnungs- Enquête war in Berlin bereits 1903 ins Leben gerufen worden.Im Auftrag der Berliner Ortskrankenkasse fotografierte Heinrich Lichte in denJahren bis 1920 mehrere Hundert Wohnungssituationen. Die Aufnahmen wurdenin den Jahresberichten der Enquête bis 1922 nach und nach veröffentlicht. DieBilder sind weniger anklagend und mitleiderheischend, sondern liefern vielmehrdiskret- distanzierte Einblicke in den Wohnalltag. Die früheste bekannte fotogra-fische Dokumentation von Armut und Wohnen stammt von Thomas Annan undwurde 1868 vom Glasgow City Improvement Trust finanziert. Vgl. Asmus,Gesine: ,, Miẞstände... an das Licht des Tages zerren." Zu den Photographien derWohnungs- Enquête. In: dies.( Hg.): Hinterhof, Keller und Mansarde. Einblickein Berliner Wohnungselend 1901-1920. Reinbek 1982, S. 32-43.

46 Bestand Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Volkskunde, Wohnweise, 74N 96-133( Reproduktionen, 13 x 18 cm). Das Fotoalbum mit rund 180 vintageprints des Asyls aus der Zeit um 1900 bis 1936 befindet sich im Museumeuropäischer Kulturen, Berlin. Für Informationen hierzu danke ich Irene Zieheund Ulrike Katharina Wolter.