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Ulrich Hägele
ÖZV LV/ 104
Für Bateson, dem ein hohes Maß an Authentizität in der Aufnahme-situation am Herzen lag, war der Wirklichkeitseffekt des visuellenMediums ein für die Forschung wertvolles Kriterium: ,, Each singlephotograph may be regarded as almost purely objective, but juxtaposi-tion of two different or contrasting photographs is already a step towardscientific generalisation." 38 Bateson inszenierte jedoch Alltagshandlun-gen des öfteren nach: Da keine Fotolampen zur Verfügung standen, bater eine Mutter, ihr Baby nicht morgens, sondern mittags bei günstigerenLichtverhältnissen zu baden. Eine Theatergruppe, die berufsmäßig ge-gen Gage auftrat, wurde veranlaßt, einen Trancetanz tagsüber und nichtwie sonst üblich bei Dunkelheit aufzuführen. Bateson und Mead sahendiese zeitlichen Verschiebungen nicht als Verfälschung an. Die beidenlegten den inhaltlichen Schwerpunkt auf die Untersuchung des Famili-enalltages sowie der Riten, Feste und Bräuche. LandwirtschaftlicheTätigkeiten und Techniken blieben dagegen unberücksichtigt. Das Ge-schehen im Haushof sollte möglichst vollständig visuell aufgezeichnetwerden. Auch für heutige Verhältnisse erscheint der fotografische Aus-stoß des Projekts enorm. Für die Badeszene eines Kleinkindes, diebis zu zwei Stunden dauerte, jagte Bateson im Schnitt alle fünf bisfünfzehn Minuten einen Film mit 40 Aufnahmen durch die Kamera.39
In einer zweiten Stufe bildeten die zurückgekehrten Forscher Ar-beitskategorien und erstellten eine Liste von 6.000 Diapositiven, diezum Teil in chronologischer Reihenfolge geordnet wurden. Hierauserfolgte die Auswahl der 759 Fotoabbildungen für die Publikation.Die Abbildungstafeln befaßten sich mit hundert Stichworten, die inzehn Hauptkategorien unterteilt waren. Diese führten zunächst allge-mein in das Dorfleben ein und erörterten dann die Aspekte Lernen,Bräuche, Körper, Verhältnis Eltern zum Kind etc. und schließlichRites de passage. Abbildungen, die Abweichungen von der Regelwiedergaben, wurden an das Ende der Bilderreihe gesetzt. JederBildseite stellten Bateson und Mead eine Textseite mit Informationenüber das Setting und mit einem Hinweis auf den übergeordnetenKontext gegenüber. Die vorletzte Zeile der Bildlegende nennt dieNamen der abgebildeten Personen und ihre verwandtschaftliche Be-ziehung. Die letzte Zeile gibt Aufschlüsse über Ort, Datum undInventarnummer der Abbildungen.
38 Ebd., S. 53.
39 Für seine Leicas verwendete Bateson ab April 1937 einen mechanischen Winder( Scnoo). Vgl. ebd., S. 52.