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ÖZV LV/ 104
In seinem wichtigen Aufsatz„, Brauch ohne Glaube" macht LeopoldSchmidt das ,, schlechte Gewissen" als Motiv für die Abhaltung von Gedenk-tagen geltend.16 Für die brauchmäßige Verankerung des Muttertages in derGesellschaft reicht diese Erklärung freilich nicht aus.
Hiezu liefern die sozialhistorischen und politikwissenschaftlichen Arbei-ten von Karin Hausen und Irmgard Weyrather's wichtige Aufschlüsse.Erstere zeigt die Mechanismen auf, die zur Durchsetzung des Muttertagesin Deutschland führten. Von der Analyse des Muttertags- Geschehens ausge-hend, versucht Hausen den Muttertag in ideologische und sozialpolitischeZusammenhänge einzuordnen. Erst die so gewonnenen Erkenntnisse verset-zen die beiden in die Lage, die Rolle des Muttertages zu interpretieren,indem sie die zum Kult hochstilisierte Verehrung der Mutter in Relation zudem durch den Ersten Weltkrieg und die Nachkriegszeit ins Wanken gera-tenen ,, männlichen Prinzip" setzt.
Irmgard Weyrather beleuchtet den Muttertag während des National-sozialismus und seine Instrumentalisierung durch die NSDAP. Hier wirdauf eindrucksvolle Weise gezeigt, wie sehr sich die Funktion einesBrauches durch politische und ideologische Interessen manipulierenläßt.
Unter ähnlichen Aspekten verfolgen zwei Diplomarbeiten den Muttertagüber einen längeren Zeitraum. Katharina Schlimmgen¹9 betrachtet den Mut-tertag vor dem Hintergrund der jeweils herrschenden Frauen- und Familie-nideologie über die Zeitspanne von 1920 bis 1984 und untergliedert diesein vier Abschnitte, in welchen jeweils ,, andere Identifikations- und Legiti-mationsmuster gelten, andere ökonomische und gesetzliche Voraussetzun-gen, andere gesellschaftliche Notwendigkeiten sowie andere ideologischeSchwerpunkte vorherrschen und gegeben sind".
16 Schmidt, Leopold: Brauch ohne Glaube. Die öffentlichen Bildgebärden imWandel der Interpretationen. In: Volksglaube und Volksbrauch. Gestalten. Gebil-de.Gebärden. Berlin 1966, S. 286-312, hier S. 294-295.
17 Hausen, Karin: Mütter zwischen Geschäftsinteressen und kultischer Verehrung.Der ,, Deutsche Muttertag“ in der Weimarer Republik. In: Huck, Gerhard( Hg.):Sozialgeschichte der Freizeit. Untersuchungen zum Wandel der Alltagskultur inDeutschland. 2. Aufl. Wuppertal 1982, S. 249-280; Hausen, Karin: Mütter, Söh-ne und der Markt der Symbole und Waren: Der deutsche Muttertag 1923-1933.In: Medinck, Hans, David Sabean( Hg.): Emotionen und materielle Interessen.Göttingen 1984, S. 473-523.
18 Weyrather, Irmgard: Muttertag und Mutterkreuz. Der Kult um die deutscheMutter im Nationalsozialismus. Frankfurt am Main 1993.
19 Schlimmgen, Katharina: Der Muttertag in Deutschland- Geschichte und ideo-logische Funktion eines Familienfestes. Diplomarbeit, Gelsenkirchen 1985.