Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde104 (2001) / N.S. 55Grieshofer, Franz: Der Muttertag als volkskundliches Forschungsfeld

  
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Der Muttertag als volkskundliches Forschungsfeld
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Mitteilungen

ÖZV LV/ 104

kerung, besonders in Süddeutschland, Eingang verschafft haben.(...) Esgibt Feste aus antiker, germanischer und frühchristlicher Überlieferung.Warum sollte es dem sozialen Empfinden der Gegenwart verwehrt sein,Träger eines neuen Festgedankens zu werden? Nicht, ob manche Leuteihre geschäftlichen Interessen hineinmengen, bleibt entscheidend. Dasgeschieht ja auch zu Nikolaus, Weihnachten, Ostern und anderen Festen,bei denen es Geschenke zu kaufen gibt. Schicksal und Gestalt des Mut-tertages wird von denen bestimmt, die seinem Gedanken aus Liebe undGemeinschaftsgeist einen tiefen menschlichen Sinn geben."

Die Mitglieder der Atlasstelle in Berlin drücken damit aus, was damalsallgemein empfunden wurde: der Muttertag hatte zwar noch nicht dieWeihen eines traditionellen Brauches erlangt, er war jedoch drauf und draneine Sitte zu werden.

Ein genereller Blick auf die Karten zeigt, daß der Muttertag im gesamtenReichsgebiet relativ gleichmäßig verbreitet war, daß es aber eine ebensogleichmäßig über das Reich verbreitete Anzahl von Orten gab, in denen derMuttertag unbekannt war bzw. aus denen keine Antwort auf die Fragegegeben wurde. In Österreich, das gegenüber Deutschland eine etwasgeringere Belegortedichte aufweist, scheint hingegen der Muttertag allge-mein bekannt gewesen zu sein, denn die Anzahl der Negativbelege ist relativgering. Angaben, daß der Muttertag schon vor 1927 bekannt war, treten inOstösterreich, besonders rund um Wien, häufiger auf als im Westen.

Für die Ethnographie bedeutet die Kartographie eine wichtige Methodeder Kulturraumforschung. Sie versucht aus der Darstellung von Kulturpro-zessen Erkenntnisse über den Innovations- und Diffusionsverlauf von kul-turellen Phänomenen zu gewinnen. Im Falle der ADV- Karten zum Muttertagist ihr Aussagewert wegen der wenig differenzierten und wohl auch miẞver-ständlichen Fragestellung allerdings nicht sehr hoch. Nachfolgende Bear-beitungen durch Helmuth Plath und Matthias Zender erbrachten jedochgenauere Ergebnisse.³

1 Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft: Stand der Arbeiten am Atlas derdeutschen Volkskunde(= Mitteilungen der Volkskunde- Kommission, 3). Berlin,Januar 1932, S. 42.

2 Harmjanz, Heinrich, Erich Röhr( Hg.): Atlas der Deutschen Volkskunde. Leipzig1937-1939. Bd. 1, Karten 33/34.

3 Plath, Helmut: Verbreitungsgesetze in Brauch- und Wortgeographie Niedersach-sens und angrenzende Gebiete. In: Neues Archiv für Niedersachsen. Landeskun-de/ Statistik/ Landesplanung, H. 15( 1950), S. 51-67; Zender, Matthias: DasVolksleben in den Rheinlanden seit 1815. In: Rheinische Geschichte in 3 Bänden,Bd. 3. Hg. v. Petri, Franz und Georg Droege. Düsseldorf 1979, S. 800-808.