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Johannes Moser
ÖZV LV/ 104
,, Ausbeutung anderer Arbeitsformen( z.B. Hausarbeit, agrarischeSubsistenzproduktion)“ schon in früheren Zeiten des Kapitalismus ander Tagesordnung war. ,, Die aktuelle Tendenz besteht in einer Wie-derausweitung der Subsistenzproduktion, d.h. der Herstellung voninfrastrukturellen, natürlichen und sozialen Produktionsvorausset-zungen einschließlich der Reproduktion der Arbeitskraft durch un-oder schlechtbezahlte Arbeit.“ 29 Diese Verschiebungen verstärkenUngleichheitsverhältnisse; Frauen sind besonders davon betroffenund bewegen sich in einer ,, triple shift" zwischen formeller, infor-meller und Familien- oder Subsistenzarbeit.30
Auf der kulturellen Ebene werden Bedeutungen brüchig, die dieMenschen bisher mit Erwerbsarbeit verbunden haben z.B. Dauer,Sicherheit, Routine, Erfahrung. Richard Sennett hat in seinem Buch,, Der flexible Mensch" genau jene Aspekte in den Blick genommenund hinterfragt, was diese Umbrüche für das Menschsein bedeuten.³¹Dennoch stellen die konstatierten Veränderungen die grundsätzlicheRelevanz der Arbeit für die Menschen nicht in Frage.32 Auch in dervon mir untersuchten Bergbaugemeinde bleibt Arbeit von zentralerBedeutung, vermittelt sie doch Anerkennung und sozialen Status,selbst wenn sie gleichzeitig als Herrschafts- und Disziplinierungsmit-tel dient. All jene, die aufgrund des Niedergangs des Bergbaus in dieLangzeitarbeitslosigkeit gelangen und von dort in die Frühpensionabgehen, leiden unter dieser Situation³³ und empfinden ein Gefühl derScham, weil sie die eigenen Ideale- im erwerbsfähigen Alter einer
29 Hirsch( wie Anm. 24), S. 16.
30 Vgl. Young, Brigitte: Globalisierung und Genderregime. In: Stötzel, Regina etal.( Hg.): Ungleichheit als Projekt. Globalisierung- Standort- Neoliberalismus.Marburg 1998, S. 77-88, hier S. 85.
31 Daher ist auch der englische Titel ,, The Corrosion of Character" viel treffenderals der deutsche. Vgl. Sennett( wie Anm. 27).
32 Vgl. Moser, Johannes: The Cultural Meaning of Work in Postindustrial Societies.In: Ethnologia Europaea 28( 1998) 1, S. 55-66.
33 Dieser Zustand des Leidens konnte von einigen Wochen bis zu mehreren Jahrendauern. Die Frau eines ehemaligen Bergmannes erzählte mir, daß die Zeit derLangzeitarbeitslosigkeit ihres Mannes die schlimmste in ihrer Ehe gewesen sei.Sie hätte gar nicht gewußt, wie wichtig ihm die Arbeit gewesen sei und wie sehrer unter dem Status des Arbeitslosen gelitten habe. Als er schließlich offiziell indie Pension überging, habe er gemeint, jetzt könne er endlich wieder zum Arztgehen, weil jetzt gehöre er nicht mehr zu den Sandlern- am Krankenschein wirdnämlich vermerkt, ob jemand berufstätig, arbeitslos oder Polizist ist. DiesenStigmata in unserem Alltag wird viel zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet.