Aufsatz in einer Zeitschrift 
Heimat und Globalisierung
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Hermann Bausinger

ÖZV LV/ 104

sich die Diskussion oder der Appell auf potenzielle Mitarbeiter be-zieht ja nicht primär die direkt produktionsrelevanten Vorzüge,sondern all das, was das Leben in einem Ort oder einer Regionangenehm, man kann auch sagen: heimatlich macht. In der Tat müsstedieser Aspekt auch bei Struktur- und Ortsveränderungen ernster ge-nommen werden.

Als vor einiger Zeit die Verlagerung der Audi- Produktion vonNeckarsulm ins Fränkische drohte, gab ein großer Prozentsatz derArbeiter zu erkennen, dass sie diese Verlagerung nicht mitmachenwürden. Man registrierte das damals mit Überraschung und kritisiertees als mangelnde Flexibilität. Vielleicht ist das ja auch nicht falsch-aber eine sorgfältigere Analyse hätte der Frage nachgehen müssen,warum diese Verweigerungshaltung so verbreitet war, und sie hättewohl nichts anderes entdeckt als Strukturen und Elemente, die in derFormel Heimat zusammengefasst sind: Haus und Garten, Nachbar-schaft und Verein, Tradition und Kommunikation.

Der ökologisch- psychologisch orientierte Geograph Peter Weich-hart befasste sich in einem Aufsatz mit den Voraussetzungen undHintergründen menschlicher Verortung. Er geht aus von dem gene-rellen menschlichen Bedürfnis nach Abbau psychischer Spannungs-zustände, und er zeigt, dass raumbezogene Identität einen wesentli-chen Beitrag zur psychischen Sicherheit und zur Konstanz leistet.Dies ist die generalisierte psychische Funktion, die sich konkret inheimatlichen Bezügen, ganz konkret eben in jenen erwähnten Feldernwie Haus und Garten, Familie und Nachbarschaft, Verein und Arbeits-zusammenhang äußert. Wichtig ist, dass Weichhart von Konstanzer-fahrungen, also von aktuellen Befindlichkeiten ausgeht, nicht vonirgendwelchen Kontinuitätskonstruktionen, wie man sie früher mitdem Begriff Heimat verband. Zu den Hypotheken des Begriffs Hei-mat gehört ja auch die Reinrassigkeitsvorstellung, die Heimat nur fürMenschen mit dem richtigen Ahnenpass reserviert: Heimat als ange-stammter Besitz, den man sich nicht primär durch aktive Tätigkeiterwirbt, sondern durch den Stammbaum, durch die Immobilität derVorfahren. Diese Vorstellung- sie entwickelte sich im 19. Jahrhun-dert und wurde im Dritten Reich zu grotesken Formen gesteigert-funktioniert schon für die Vergangenheit nur, wenn der massiveBevölkerungsaustausch in und nach Kriegen, die Zuwanderung vonKünstlern und Handwerkern, der internationale Zuschnitt des Han-dels ausgeblendet werden. Und sie wird vollends den demographi-