2001, Heft 2
Heimat und Globalisierung
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Bei der folgenden Verhandlung zeichnen alle Zeugen das Bild einesstillen, bescheidenen, artigen und fleißigen Mädchens, bei dem sicherst nach Antritt der Stelle Zeichen eines pathologischen Heimwehszeigten. Nachdem ihre Eltern die Heimkehr verweigerten, versuchtesie zuerst das Kind zu vergiften, indem sie sich einredete, auf dieseWeise überflüssig geworden, wieder nach Hause zurückkehren zudürfen. Nachdem dieser Versuch fehlgeschlagen war, sie aber immerstärker unter verzweifeltem Heimweh litt, fasste sie innerhalb weni-ger Tage den Gedanken, das Kind zu ertränken, ein Entschluss, densie in die Tat umsetzte.
Im pathologischen Extrem kommt hier etwas zum Vorschein, wasfür die Geschichte von Heimat wichtig ist. Schon in den früherenAbhandlungen zum Heimweh- Jaspers nimmt darauf Bezug- istangemerkt, dass Symptome krankhaft gesteigerten Heimwehs vorallem bei Menschen auftraten, die in relativer Isolierung aufgewach-sen waren. Die meisten Fälle wurden aus entlegenen Tälern derSchweiz berichtet, wo man auch später noch parallele Beobachtungenanstellen konnte. So berichtet Jeremias Gotthelf von einem Bauernaus dem Emmental, der Mitte des 19. Jahrhunderts zum ersten MalHaus und Hof und Dorf verließ, um zwei Tage an einem Sängerfestin Zürich teilzunehmen; unterwegs packte ihn das große Elend, er weintejämmerlich und begehrte nur das eine, wieder heimzukommen.
Heimkommen- was bedeutete das? Die Sehnsucht galt ganz sichernicht sentimentalen Heimatliedern und aufgeputzten Heimattrachten,sondern es war eine Sehnsucht nach dem elementaren heimatlichenAlltag. Ein Schweizer Arzt empfahl als Heilmittel heimatliche Milch;dies ist ein Hinweis darauf, dass es um Basiserfahrungen mit derNahrung, mit Wohn- und Lebensformen ging. Heimat war offensicht-lich kein Dekor, nichts Stilisiertes, kein Zusatz, sondern das Lebenselbst in der unmittelbaren, engen Umgebung. Heimatlich waren dieNormen des Alltags, Heimat war der eigene Besitz, aber auch dasHaus, der Hof, in dem man lebte, waren Freunde und Nachbarn, wardie gewohnte Arbeit und Kommunikation. Das verbriefte Heimat-recht, das den Anspruch auf die Gründung eines Gewerbes, auf Heiratund auf Versorgung im Invaliditätsfall sicherte, hatten in der Regelnur die Besitzenden. Die Heimatbindung aber ging über dieses Hei-matrecht hinaus- Beweis dafür ist das Heimweh.
Erst vor ungefähr anderthalb Jahrhunderten begann für den BegriffHeimat ein Schrumpfungsprozeß. Die dynamische Entfaltung der