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Hermann Bausinger
ÖZV LV/ 104
durchaus vorhandenen Spannungen verschwinden lässt in einemschicken integrativen Kunstwort.
Aber es ist richtig, dass die Orientierung am engeren Umkreisdurch die Globalisierung nicht unwichtiger geworden ist. Vielleichtkönnte man sogar sagen: im Gegenteil. Orvar Löfgren, schwedischerEthnologe, hat dies in der Kurzdiagnose zusammengefasst: Moreglobal, more national( ich möchte hinzufügen: more regional), morelocal. So formuliert, zumal auf englisch, klingt dies ganz einleuch-tend. Aber ist es nicht problematisch, diese nüchterne Formulierungnun zu übersetzen in Heimatbewusstsein und Heimatgefühl? Ich habeeingangs jene Heimatlitanei heruntergebetet, wie sie uns ab und zuserviert wird und die gewiss nicht zur Konsolidierung des Heimatbe-griffs beiträgt. Die Problematik liegt aber bei genauerem Zusehennicht nur in der Massierung von Heimatvokabeln, sondern darin, dasshier Heimat zugeschnitten ist auf ein ganz enges Bedeutungsfeld. Umdies verständlich zu machen, ist ein knapper historischer Rückblicknötig auch wenn dabei offene Türen eingerannt werden müssen.Vor dem 19. Jahrhundert gab es über Heimat keinerlei Diskussio-nen; aber über das Heimweh wurden schon im 17. Jahrhundert gelehr-te Abhandlungen veröffentlicht. Medizinische Abhandlungen, denndas Heimweh trat auf wie eine Krankheit: Menschen, die vom Land indie Städte kamen, verloren dort jegliche Orientierung, machten unsin-nige, auch verbrecherische Dinge und hatten nur den einen Wunsch,zurückzukehren in ihre Heimat. Vor einigen Jahren wurde die Disserta-tion des Philosophen Karl Jaspers, der auch Psychiater war, neu aufge-legt; er schrieb darin über Heimwehkranke seiner Zeit, also zu Beginndes 20. Jahrhunderts. Ich will eine Krankengeschichte wiedergeben:
Im Jahre 1906 schleicht das vierzehnjährige Dienstmädchen Apollonia S.kurz nach Anbruch des Tages in das Schlafzimmer ihrer Herrschaft,nimmt den Knaben, zu dessen Pflege sie eingestellt worden war, ausseinem Kinderwagen und läuft mit ihm zum Fluß. Von der Brücke auswirft sie ihn ins Wasser. Ohne sich umzusehen, kehrt sie heim, entkleidetsich und legt sich wieder ins Bett. Erst die Klage des Vaters, sein Kindsei in der Nacht gestohlen worden, ruft sie wieder aus dem Bett.
Sie beteiligt sich an der Suche nach dem Kind, bricht aber zusammen,als die Eltern des Kindes verdächtigt und verhaftet werden; schließ-lich legt sie ein Geständnis ab. Als Motiv für ihr Vergehen gibt sie an,sie habe um jeden Preis zurück nach Hause gewollt.