2001, Heft 1
Literatur der Volkskunde
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Falschverstehen und Adaptieren auch einen Ausdruck von Schöpfertum zusehen. Der Anhänger der josephinischen Reformpolitik, Jesuit und Kir-chenrechtsgelehrte an der Wiener Universität Joseph Valentin Eybel( 1741-1805) legte zwei wächsernen Opferfiguren ein Gespräch in den Mund, das1782 als Broschüre unters Volk gebracht wurde. Nina Gockerell lässt ,, Herrund Frau von Wachs" anhand einiger ,, Lebensgeschichten“ von ihrem Lei-den erzählen, das der barocke Kirchenkult und Mirakelglaube prägt( ,,, Herrund Frau von Wachs, oder ein lustiges Gespräch zwischen zwey wächsernenOpfermännln'. Gedanken zu einer erzählenden Broschüre aus dem josephi-nischen Wien"; S. 241–265). – Ingolf Bauer schildert den Wandel der Pro-duktionsbedingungen des Bauern in einem zeitlichen Bogen von zweihun-dert Jahren( ,, Von Beruf Bauer- einst und jetzt"; S. 267–286). Der Beitragist eine nachvollziehbar entwickelte und daher vehement vertretene Fürspra-che für den Erhalt des Bauerntums im Dorf als Beruf, der die vom Menschengeschaffene Kulturlandschaft erhält.- Christoph Köck setzt sich in seinemtheoretischen Artikel mit der Volkskunde und ihrer Perspektive auf dieGeschichte auseinander( ,, Historische Perspektiven erzählen. Oder: überden Schnee von gestern und das Milchbehälterexperiment“; S. 287–301).Volkskundler ,, bündeln die erzählten Lebensausschnitte der Menschen zuerzählter Geschichte. Die Ordnungsmuster der Volkskundler sind Erzählmu-ster“( S. 300).
Schließlich zeigt das letzte Kapitel die ,, Visuelle[ n] Zugänge: Bilder vomAlltagsleben“. Burkhart Lauterbach bringt die volkskundliche Forschung indie Nähe der Visuellen Anthropologie( ,, Expressive Bilder: Die photogra-phischen Erzählungen von Robert Doisneau[ 1912-1994] über Paris undseine Banlieue“; S. 305-323). Ihm geht es um die Auseinandersetzung mitder sozialdokumentarischen Photographie, mit der photographischen Dar-stellung von Alltagskultur. Doisneau erzählt Geschichten über das Mensch-sein, über menschliche Handlungen und Gewohnheiten, über Kommunika-tion. Lauterbach erkennt in den Bildern das Private als einen Erzählstrang,bislang wurde dies nur für Lebensgeschichten herausgearbeitet.- Mit demHufeisen als Glücksbringer und seiner ,, richtigen" Handhabung beschäftigtsich Thomas Raff( ,, Damit das Glück nicht herausfällt- oder: Wie herumhängt man ein Hufeisen auf?"; S. 325–344). Signifikanterweise beginnt dieDiskussion und Deutung, ob es mit der Öffnung nach oben oder nach untenweisen soll, erst seitdem die Wissenschaft darüber reflektiert.Zu guterLetzt illustriert Leopold Kretzenbacher die Bedeutung von erzählendenBildern im Leben der Menschen( ,, Volkskundliche Feldforschung nach dem, erzählenden Bilde""; S. 344-362). Als Ausgangspunkt wählt er Beispieleaus der eigenen Lebensgeschichte, die seinen Beitrag sehr persönlich wirkenlassen.