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Volker Klotz
ÖZV LV/ 104
offenbart es der Autor als erzwungenes Zugeständnis an die öffentlichverlangte Lebensweise. Ächzenden Einklang bietet sein Schlußbild.Alle drei Handwerker also auch die beiden bislang so beharrlichUnsoliden werkeln jetzt im gleichen Haus. Zwangsvereinigt. Zu-sammengepfercht wie in einem Käfig. Zwirn und Knieriem sind garnoch, ebenso zwangsweise, zu Paaren getrieben mit fruchtbarenEhefrauen, die nie zuvor ihren Weg gekreuzt hatten. Na also, na bitte,knurrt Nestroy. Ein dreifach Hoch auf Fleiß und Häuslichkeit!
Ein knappes Jahrzehnt nach Lumpazi Vagabundus erschien ErnstElias Niebergalls Datterich. Untertitel:, Local- Posse in der Mundartder Darmstädter'. Also keine doppelstöckige Zauber- Posse für Gei-ster und Menschen; vielmehr ein Stück, das einzig drunten spielt,unter handfesten Sterblichen einer bestimmten Stadt. Im TitelheldenDatterich verleiblicht und vergeistigt sich die Müßiggängereischlechthin. Dieser unermüdliche Schnorrer und Aufschneider pen-delt von Wirtshaus zu Wirtshaus, wo er mit seinen Kumpanen Rot-wein trinkt, Karten spielt und schwadroniert.
Auch hier herrscht das Handwerkermilieu vor. Es kommt freilichanders zum Zug als in Lumpazi Vagabundus. Nestroy läßt seine dreiGesellen, den gültigen Zunftregeln entsprechend, auf der Wander-schaft weite Strecken zurücklegen. So können sie zeigen, im Sinn derGeisterwette, ob sie tüchtig vorwärts oder liederlich runterkommen.Niebergall wählt einen kürzeren Weg. Seine Personen bleiben imengen Radius der heimatlichen Stadt. Die hier ihr Handwerk ausüben,sind schon arriviert und seẞhaft, also keine Gesellen mehr, sondernanerkannte Meister des Dreher-, Fleischer-, Schuster-, Schneiderge-werbes. Mithin entstehen andersartige Konfrontationen als beiNestroy.
Alles was im Datterich passiert, lebt vom Aufprall zwischen be-rufstätigen und unberufstätigen Leuten, zwischen arbeitsamen Hand-werkern und arbeitsscheuen Nichtsnutzen. Niebergalls dramaturgi-sche Strategie zielt darauf ab, daß in jedem der sechs Bilder seinesStücks Arbeitszeit und Feierabend sich heftig überschneiden. Wassonst im bürgerlichen Alltag jener Epoche räumlich getrennt ge-schieht, und was sonst temporal streng nacheinander verläuft mitregelmäßiger Abfolge: das wird hier auf der Bühne vergleichzeitigt.Ohne schmeidigende Synchronisation. Deshalb knirschts und krachtsim sozialen Getriebe dieser Darmstädter Bieder- und Unbiederleute.