Aufsatz in einer Zeitschrift 
Vom Müßig-Gänger zum Un-Täter : Nichtsnutz in Bühnenstücken und Bildergeschichten Volker Klotz
Einzelbild herunterladen
 

2001, Heft 1

Vom Müẞig- Gänger zum Un- Täter

31

Wie aber stehts mit andern Spielarten des Theaters? Mit geläufige-ren, die direkt keinerlei politische Ziele verfolgen? Lassen sie sichüberhaupt ein aufs Für und Wider zur Müßiggängerei? In der Tat. Undnicht nur hochwürdige Dramatik: wie Shakespeares Tragödien vonden aufgerüttelten Müßiggängern Hamlet und Heinrich IV.; oder wieBüchners und Tschechows Komödien vom gelangweilten PrinzenLeonce und vom ebenso nichtsnutzigen Gutsbesitzer Iwanow.

Nein, da gibt es durchaus auch handfest populäre Bühnengattun-gen, die sich über das Thema hergemacht haben. Gattungen, die vonvornherein einem breiten, bunt gemischten Publikum entgegenkom-men. In der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ist es vorallem die Wiener und Berliner, die Frankfurter und DarmstädterPosse. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und noch danachist es, international, die Operette.

Das berühmteste Stück des berühmtesten Possendichters JohannNestroy widmet sich geradezu programmatisch der Müßiggängerei.Schon der Doppeltitel deutet es an: Der böse Geist Lumpazi Vaga-bundus oder Das liederliche Kleeblatt. Es handelt sich um einesogenannte Zauber- Posse aus dem Jahr 1833. Sie bringt das Themaim Allgemeinen und Besonderen auf die Bühne. Droben und Drunten.Im Allgemeinen erhitzt sich droben das Geisterreich über das Lotter-leben der männlichen Feenjugend. Der schamlose Lumpazi hat sie zuSuff, Glücksspiel und Ausschweifung verführt. Und im Besonderenist zu sehen, wie drunten auf der Erde die leichtfertigen Handwerks-gesellen Knieriem, Zwirn und Leim auf der Walz durch die Landeziehen. Ein herbeigezauberter großer Lotteriegewinn macht sie zuVersuchspersonen für die Wette der zerstrittenen Geister.

Beweisen sollen die drei Gesellen, was denn wohl, bei so hohemStartkapital, die Betroffenen glücklicher mache: Lumperei oder Lie-be, abenteuerliches Vagabundieren oder seßhaft arbeitsames Famili-enleben. Zunächst steht es Zwei zu Eins. Nur Leim heiratet brav indie Tischlerei seines früheren Meisters hinein. Die beiden anderendagegen verprassen fröhlich ihren Lotteriegewinn. Und das Endre-sultat? Drei zu Null. Überraschend siegt dann doch die amouröseEntlumpung. Der Müßiggang bleibt auf der Strecke.

Dieser Schluß fällt allerdings so fragwürdig aus wie bei Nestroyfast immer. Das pseudoglückliche Ende geht keineswegs schlüssighervor aus dem, was bis dahin abgelaufen war. Unausgesprochen